Die Kontinuität von Bewusstsein | Vegane Gesellschaft Österreich

Die Kontinuität von Bewusstsein

02.04.2014

Das naturwissenschaftliche Argument für Tierrechte

Autor: Martin Balluch
Verlag, Erscheinungsdatum: Guthmann-Peterson, 2005

Die Tierethik gilt herkömmlich bestenfalls als eine kleine Spezialdisziplin der Ethik, die hauptsächlich vom Umgang der Menschen untereinander handle. Die stillschweigende Voraussetzung dafür ist den meisten gar nicht bewusst: Tierethik wäre die Frage, wie „wir Menschen“ mit, neben vielen anderen Dingen, „den Tieren“ umgingen. Die Trennung aller Wesen in „wir Menschen“ und „die Tiere“ ist aber bereits eine sehr gewichtige Voraussetzung mit schwerwiegenden Konsequenzen.

Die Grundfrage der Ethik muss also anders angegangen werden. Zunächst erlebe ich selbst mein eigenes Bewusstsein unmittelbar. Es ist dieses Bewusstsein, das Dinge und Geschehnisse in der Welt als gut oder schlecht bewertet, abhängig von meinem Willen. Das Bewusstsein von Wesen, unabhängig ob von Menschen oder anderen Tieren, zusammen mit seinem Willen wird also eine zentrale Rolle in der Ethik spielen.
Das naturwissenschaftliche Weltbild scheint keinen Platz für ein Bewusstsein und einen eigenen Willen zu lassen. Die Naturgesetze determinieren die gesamte (physikalische) Welt. Allerdings existiert zumindest ein Bewusstsein, nämlich meines, und da Bewußtsein im Moment physikalisch nicht beschreibbar ist, aber eindeutig ein physikalisches Phänomen, kann unser naturwissenschaftliches Verständnis der physikalischen Welt nicht vollständig sein. Zusätzlich hat sich mein Bewußtsein offenbar evolutionär entwickelt. Und es können sich nur Eigenschaften evolutionär entwickeln, die auch eine Auswirkung auf das Verhalten der Wesen mit dieser Eigenschaft haben. Daher muss das Bewußtsein also eine Auswirkung auf das Verhalten der bewußten Wesen haben, die sich von den Auswirkungen eines rein computeranalogen Gehirns unterscheiden, sonst hätte sich ja letzteres evolutionär entwickelt. Dieser Unterschied kann mit Hilfe des mathematischen Theorems von Kurt Gödel herausgearbeitet werden: er ist das Verstehen. Computerprogramme verstehen nicht, Bewußtsein schon. Und die Auswirkung des Verstehens von Bewußtsein auf das Verhalten ist der Wille. Jedes Bewußtsein bringt also einen autonomen Willen mit sich.

Für ethische Überlegungen müssen wir also zunächst die empirische Frage beantworten, welche Wesen ein Bewußtsein haben und woran man das erkennen kann. Die Neurobiologie hat besonders in den letzten 10 Jahren viele neue Erkenntnisse über das Bewußtsein und sein Gehirn geliefert, vor allem durch neue Methoden der Messungen von Gehirnaktivität und durch Beobachtung von PatientInnen. Das Gehirn ist zunächst einmal das Zentrum der Nervenbahnen des Körpers. Die entsprechenden Reflexreaktionen laufen unbewußt ab. Das Nervenkostüm des gesamten Körpers ist an anderer Stelle im Gehirn dargestellt, genannt das Protoselbst. Bewußtsein entsteht aber erst, wenn die Interaktion dieses Protoselbst mit einem mentalen Bild z.B. eines Reizes bzw. einer Wahrnehmung oder einer Vorstellung nichtverbal kommentiert wird. Auf diese Weise kann es Gefühle wie Schmerz geben, die unbewußt bleiben. Man muss also zwischen bewusster und unbewußter Wahrnehmung unterscheiden. Und jedes Bewußtsein ist auch ein Selbstbewußtsein.

Ein wichtiger Hinweis auf Bewußtsein ist also das Vorhandensein der notwendigen Hirnstrukturen. Diese finden sich zumindest bei allen Wirbeltieren. Aus dem Verhalten verschiedener Wesen kann man darauf schließen, ob sie etwas verstanden haben, oder ob sie nur automatisiert bzw. reflexartig agieren. Ersteres ist ein hinreichendes Kriterium für Bewußtsein. Ob Menschen und andere Tiere Bewußtsein haben oder nicht, ist also grundsätzlich die gleiche Frage. Dass hier herkömmlich zwischen Menschen und anderen Tieren so stark unterschieden wird, was den gänzlich verschiedenen Umgang im Rahmen der Ethik bedingt, hat historische Gründe und geht auf die Aufklärung zurück. Im 18. Jahrhundert wurde die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen durch eine grundsätzliche Unterscheidung von allen anderen Tieren erkauft. Mangels empirischer Fakten ist aber diese künstlich geschaffene Kluft nur metaphysisch motiviert. Biologisch gesehen ist der Übergang zwischen Menschen und anderen Tieren vollkommen kontinuierlich und jede Abtrennung künstlich und willkürlich. „Mensch“ und „Tier“ erweisen sich vielmehr als soziale Konstruktionen des „wir“ und des „anderen“. Eine Verhaltensforschung ohne ideologische Scheuklappen durch den Behaviourismus belegt eindrucksvoll, dass Bewußtsein ein weit verbreitetes Phänomen in der Tierwelt ist. Viele nichtmenschliche Tiergruppen zeigen Kultur, Intentionalität, Verstehen. Dabei spielt die oft ins Treffen geführte Sprachfähigkeit keine entscheidende Rolle. Der Kommentar über die Interaktionen des Protoselbst ist grundsätzlich nichtverbal. Die Sprache ist erst eine verbale Darstellung dieser Interaktion, und damit nur eine Repräsentation des Faktischen, die der Kommunikation dient, und aus der erst wieder die mentalen Bilder bzw. die objektive Welt rekonstruiert werden muss.

Jedes Wesen mit Bewußtsein hat nach obigem einen Willen, der bewußt ist. Die unbewußten Voraussetzungen, um diesen bewußten Willen umzusetzen, sind im Interesse des wollenden Wesens. Das eigene Leben, die eigene Freiheit und die eigene Unversehrtheit sind als Basisbedürfnisse also im Interesse aller bewußten Wesen. Ein Wesen, das diese Zusammenhänge durchschaut und sich bewußt machen kann, will bewußt, dass es lebt, frei und unversehrt ist, und dass sein Leben, seine Freiheit und seine Unversehrtheit von anderen respektiert werden. Es fordert also von der Gesellschaft Grundrechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit, weil es überhaupt willensfähig, also bewußt, ist. Jedes Leben, das für sich selbst Grundrechte fordert, muss also aus logischer Konsistenz für alle anderen bewußten Wesen ebenso Grundrechte fordern. Da viele Tiere ein Bewußtsein haben, müssen jene Wesen, die für sich Grundrechte fordern, diesen Tieren in der Gesellschaft die gleichen Rechte, also Tierrechte, zugestehen. Im Konfliktfall zwischen verschiedenen Wesen wird entschieden, indem den Bedürfnissen und Interessen dieser Wesen verschiedene Werte zugeordnet werden. Da Werte aber niemals objektiv sondern nur subjektiv sein können, weil etwas nur mehr oder weniger wert für ein bewertendes Wesen relativ zu seinem eigenen Präferenzensystem sein kann, müssten solche Werte ad hoc willkürlich eingeführt werden. Eine objektive, rationale Ethik kann also nicht z.B. das Leben eines bewußten Wesens, wie das eines Menschen, höher als das Leben eines anderen bewußten Wesens, wie das eines Schweines, werten. Das ethische Ideal liegt also im maximal möglichen Respekt gegenüber dem Leben, der Freiheit und der Unversehrtheit aller bewußten Wesen. Das setzt eine vegane Lebensweise voraus, also eine, die ohne tierliche Produkte oder die Nutzung von Tieren gegen deren Interessen auskommt.