Vegan im Kindesalter | Vegane Gesellschaft Österreich

Vegan im Kindesalter

05.12.2017

Wer seinen Nachwuchs vegan ernähren möchte, hat es in Österreich nicht immer einfach: Rein pflanzliche Mahlzeiten werden in Kindergärten und Schulen nur selten angeboten, Kinderärzt_innen sind meist unzureichend informiert und offizielle Institutionen wie die Österreichische Gesellschaft für Ernährung betrachten eine vegane Kinderernährung mit großer Vorsicht. Wir haben uns mit drei veganen Familien getroffen, um mit ihnen über die gesundheitliche Entwicklung ihrer Kinder, deren Lieblingsessen und den Umgang mit kritischen Stimmen zu sprechen.

Ihr lebt alle vegan, eure Kinder schon seit ihrer Entstehung im Mutterbauch. Wie hat euer Umfeld reagiert, als ihr ihnen mitgeteilt habt, dass ihr eure Kinder vegan ernähren werdet? Was haben die Kinderärzt_innen gesagt?

Chris und Kathi: Es gab von unserem persönlichen Umfeld weder eine Diskussion noch Fragen oder Zweifel in dieser Richtung: Dass unsere Kinder vegan ernährt werden, war allen klar. Unser Kinderarzt war der Meinung, dass Kindern die Entscheidung überlassen werden müsste und wir ihnen deshalb Fleisch geben sollen. Nun, das hatte natürlich keinen Einfluss auf unsere Entscheidung.

Lena: Bei uns ist auch das nähere Umfeld davon ausgegangen, dass unsere Kleine mit uns vegan leben wird. Kolleg_innen oder Bekannte haben das teilweise hinterfragt bzw. fragen öfter mal nach.

Didi: Den Ärzt_innen haben wir nie davon erzählt, es gab auch nie einen Grund dazu. Freund_innen haben sehr relaxt reagiert, Verwandte eher skeptisch – vor allem unter dem Vorwand der Angst um die Gesundheit. Jeder kleine Schnupfen wurde anfänglich auf die vegane Ernährung zurückgeführt.

Falls es Schwierigkeiten gab: Wie seid ihr damit umgegangen?

Didi: Immer wieder Aufklärung. Immer wieder erklärt, dass man ausgewogen und bewusst ernährt, die Risiken kennt und ausgleicht. Hin und wieder aber auch einfach nur ignoriert, um ständige Diskussionen zu vermeiden.

Lena: Wir hatten bisher keine Schwierigkeiten. Im Gegenteil: Wie auch auf uns wird auf die Kleine von unseren engeren Freund_innen und der Familie, die omnivor leben, Rücksicht genommen und vegan gekocht und gebacken, wenn wir zu Besuch kommen.

Chris und Kathi: Bei uns gab es auch keine Probleme. Für potentiell mögliche haben wir bewusst darauf aufmerksam gemacht, dass bei Verabreichung „unveganer“ Lebensmittel ein weiteres problemloses Treffen mit unseren Kindern unmöglich werden kann.

Wie reagieren eure Kinderärzt_innen inzwischen auf eure vegane Ernährung?

Lena: Unser Kinderarzt ist dem Thema gegenüber aufgeschlossen. Lilja hat sich von Beginn an super entwickelt, war immer eher groß, in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung vorn dabei und sehr wenig krank.

Chris und Kathi: Unser Arzt meint, die Kinder würden sich sehr gut entwickeln, und er war erstaunt über die perfekten Werte bei den Blutbefunden.

Didi: Der einzige Kinderarzt, mit dem wir darüber gesprochen haben, war unser erster Kinderarzt Dr. Bernd Balluch. Er war von Anfang an von Juris Entwicklung begeistert. Bei anderen Kinderärzten haben wir das Thema nie aktiv angesprochen – mussten wir auch nicht, weil die Entwicklung perfekt war und alle Werte ebenso.

Lilja (2 ½) mit ihren Eltern Lena (36) und Philipp (37)
Lilja (2 ½) mit ihren Eltern Lena (36) und Philipp (37)

Muttermilch gilt als die beste Nahrung für Kinder während ihrer ersten Lebensmonate. Wie lange habt ihr eure Kinder gestillt?

Lena: Lilja wurde 16 Monate gestillt. Zum Glück hat das bei uns super geklappt und sie hat sich von Beginn an super entwickelt.

Didi: Juri wurde 1 Jahr gestillt und gegen Ende haben wir angefangen, etwas Soja-Formula zusätzlich zu geben, um langsam umzusteigen. Das hat er dann bis ca. 2 ½ täglich zusätzlich bekommen. Jetzt nur mehr hin und wieder.

Chris und Kathi: Da Stillen für uns das Natürlichste ist und neben der körperlichen Entwicklung auch für die emotionale Gesundheit und das Bonding so wichtig ist, wurden beide Kinder nach Bedarf gestillt. Enio hat sich mit 2 ½ Jahren selbst abgestillt, Inara stillt noch ein paar mal am Tag.

Wann habt ihr begonnen, feste Nahrung zu geben, und welche Lebensmittel gab es in der ersten Zeit bei euch?

Lena: Ab dem 6. Monat. Wir haben eine Mischung aus Baby Led Weaning (BLW)* und Hafer- Gemüse und Obstbrei gegeben, sie aber nicht zum Essen gedrängt. Seit Lilja ein Jahr ist, isst sie ganz normal mit uns mit. Davor haben wir bei ihrem Essen auf Zucker und Salz so gut wie komplett verzichtet.

Chris und Kathi: Bei uns haben auch beide mit ca. 6 Monaten zu essen begonnen. Bei Enio haben wir, wenn er Interesse zeigte, etwas zu essen, anfangs auch Brei gegeben, bei Inara haben wir nur mehr BLW praktiziert und ihr anfangs kinderhandgerechte Stücke Obst und Gemüse gegeben und sie später auch einfach bei unseren Mahlzeiten probieren lassen.

Didi: Angefangen haben wir mit einer Beikost-Mischung aus Gemüse, Obst (Apfel, Birne oder Banane) und Getreide (vor allem Hirseflocken). Aber auch Süßkartoffel-Spalten mit Beikostöl und Sesam. Als Zwischendurch-Snack gab und gibt es zum Beispiel Mais-Amaranth- oder Dinkel-Waffeln oder Hirse-Amaranth-Bällchen. Später dann Brote vor allem mit Mandel- oder Cashewmus oder Hummus. Ich muss aber sagen, dass wir auch relativ rasch auf breifrei umgestellt haben, also mundgerechte Happen in Fingerfood-Größe.

Was steht heute regelmäßig auf eurem Speiseplan? Was essen eure Kinder besonders gern?

Chris und Kathi: Morgens gibt es fast immer Smoothies, manchmal Haferbrei, Chiapudding etc. Ansonsten sind Reis- und Nudelgerichte und verschiedenste Speisen mit Gemüse, Hülsenfrüchten,Tofu oder Tempeh sehr beliebt. Besonders Ethno-Küche ist bei unseren Kindern sehr begehrt, z. B. Äthiopisch, Indisch, Thailändisch, Mexikanisch. Enio liebt Grillgemüse, am liebsten Zwiebel – noch lieber Zwiebel roh. Inara isst am liebsten frisches Obst und Rosinen. Als Snacks sind Soja- und Kokosjoghurt, Tofuwürstchen und Nüsse sehr beliebt.

Didi: Würde es nach Juri gehen, wären täglich Pommes, Pizza oder Nudeln am Speiseplan.
Eigentlich sieht der aber sehr abwechslungsreich aus: In der Früh gibt es entweder ein Porridge mit Obst und Nüssen oder Margarine-/Marmelade-Brot, dazu Wasser oder Tee. Mittag- und Abendessen sind in der Regel sehr gemüse-, getreide- und hülsenfrüchtelastig, z. B. Couscous, Reis, Quinoa, Buchweizen, Linsen, Bohnen, … mit Tofu, Seitan oder Soja und saisonalem Gemüse. Letztendlich wird aber nicht speziell für ihn gekocht, sondern er isst alles mit, was wir essen. Hefeflocken müssen fast überall dabei sein – darauf besteht er. Juri ist auch ein absoluter Nudelsuppen- und Salat-Tiger. Bei Obst zählen vor allem Bananen zu seinen Lieblingen.

Lena: Lilja isst am liebsten Nudeln, Reis, Hülsenfrüchte, Oliven, Beeren und Salat. Als Nachspeise sind Pudding und Veganista-Eis sehr beliebt. Bei uns gibt es deshalb im Sommer oft und viel Salat mit Kichererbsen oder Bohnen und Linsen bzw. Dinkelnudeln oder Nudeln aus Linsen sowie Gemüse-(Dinkel-)Reis.

Bei einer veganen Kinderernährung ist eine Nahrungsergänzung mit Vitamin B12 wichtig. Welche Supplemente gebt ihr euren Kindern und ergänzt ihr noch weitere Nährstoffe?

Lena: Lilja bekommt täglich B12 und Vitamin D und ab und zu Algenölkapseln für DHA + EPA.

Didi: Solange Juri noch regelmäßig Soja-Ersatzmilch bekommen hat, waren Nahrungsergänzungsmittel kein großartiges Thema. Nur Vitamin D3 von Vitashine haben wir ihm gegeben. Inzwischen bekommt er auch noch B12 in Tropfenform.

Chris und Kathi: Regelmäßig nur B12, im Winter D3, hin und wieder Zink.

Juri (3) mit seinen Eltern Didi (47) und Katharina (38)
Juri (3) mit seinen Eltern Didi (47) und Katharina (38)

Wie und zu welchem Zeitpunkt habt ihr euren Kindern erklärt, dass ihr anders esst als andere Familien? Habt ihr manchmal Diskussionen, weil sie etwas „Unveganes“ essen möchten?

Didi: Wir haben mit entsprechenden Kinderbüchern gestartet und sobald es möglich war, also mit etwa 2 Jahren, auch angefangen aufzuklären, dass Tierprodukte eben von Tieren stammen und dass Tiere dafür sterben müssen. Juri liebt – wie die meisten Kinder – Tiere und nennt unsere Hundebegleiterin Emily seine „große Schwester“. Wenn wir im Supermarkt sind und er die Fleischtheke sieht, dann sagt er von sich aus, dass wir das nicht essen, weil das ein totes Tier ist. Ich halte Aufklärung und Empathiebildung für weit wichtiger als Zwang oder Regeln. Wenn Juri aber irgendwo in Gesellschaft anderer Kinder ist und diese z. B. ein unveganes Eis oder eine Geburtstagstorte essen, dann verbieten wir sie ihm nicht. Mir ist auch sehr wichtig, eine Ausgrenzung zu vermeiden, weil ich viel mehr Gefahr darin sehe, dass das dann kippt und irgendwann aus Protest ein anderes Verhalten eintritt. Fleisch gibt es aber definitiv nicht.

Lena: Mit der Kleinen war das noch nicht wirklich Thema. Für sie ist es bisher recht selbstverständlich – z. B. bekommt sie im Kindergarten ihr eigenes Essen von uns mit. Wir versuchen auch, immer vegane Alternativen mit dabei zu haben.

Chris und Kathi: Wir haben erklärt, dass wir keine Tiere töten und quälen und deswegen vegan essen. Wir haben sofort damit begonnen. Diskussionen hatten wir mit den Kindern bis jetzt noch nicht. Enio hat sogar schon, wenn er alleine irgendwo war, nachgefragt, ob das, was er dort angeboten bekommt, auch vegan ist und es andernfalls nicht gegessen. Das erste Mal schon mit 2 ¾ Jahren! Bei Inara ist es noch ein klein wenig zu früh, hier etwas zu sagen.

Wie ihr schon angesprochen habt, kann es in Kindergärten, auf Geburtstagsfeiern oder in ähnlichen Situationen vorkommen, dass der Großteil des angebotenen Essens nicht vegan ist. Wie gehen eure Kinder damit um? Wie beugt ihr selbst vor?

Lena: Lilja geht in einen städtischen Kindergarten mit einer sehr guten und netten Leiterin. Wir kochen für sie selbst und orientieren uns dabei am Speiseplan, der 3 Wochen vorher schon feststeht. Die Jause wird vom Kindergarten besorgt und hier wird auf Lilja Rücksicht genommen. Sie bekommt z. B. Hafermilch, Sojajoghurt und Alsan. Auf Geburtstagsfeiern haben wir entweder selbst etwas mit oder die Gastgeber_innen haben eine pflanzliche Alternative. Sollte es einmal gar nicht anders gehen, darf es auch mal ein Stück von der unveganen Torte sein.

Chris und Kathi: Enio geht sehr selbstbewusst damit um, auch wenn es ihn traurig macht und stört zu sehen, dass andere Menschen Unveganes essen. Er sagt dann manchmal, dass er nicht versteht, wie das jemand machen kann. Da unsere Kinder weder in den Kindergarten noch in die Schule gehen (werden), außer sie würden es von selbst wollen, gibt es solche Probleme kaum. Falls sie eingeladen werden, ist immer auch etwas Veganes dabei. Fast immer sind solche Feiern, aus Rücksicht auf uns, rein vegan, auch wenn sie bei unveganen oder nur zum Teil veganen Familien stattfinden.

Didi: Wie vorhin erwähnt, gibt es da manchmal Ausnahmesituationen, die wir in Kauf nehmen, weil wir diese zwanghafte Haltung und permanenten Verbote nicht mögen. Letztendlich ist es irgendwann seine eigene Entscheidung und wir versuchen mit Aufklärung und Empathiebildung dagegen zu halten. In seinem Kindergarten gibt es viele vegetarische Kinder, die beim Essen nebeneinander sitzen, und daher ist da eine Ausgrenzung schon nicht so leicht möglich. Dort wird immer frisch und saisonal gekocht und die meisten vegetarischen Speisen sind auch vegan – aber halt nicht immer. Das ist der Kompromiss, den wir derzeit eingehen, und sobald er in dem Alter ist, wo er versteht, dass in manchen Speisen auch Tierprodukte enthalten sind und wir die Hintergründe erklären können, baue ich auf seine Empathie und seine eigene Entscheidung. Wir können nur das Fundament schaffen, den weiteren Weg muss er alleine gehen.

Habt ihr euch jemals verunsichern lassen durch negative Medienberichte oder ungute Kommentare anderer Leute? Was hat euch in dieser Zeit geholfen?

Lena: Nein. Ich bin davon überzeugt, dass sich Lilja für ein Kind in ihrem Alter überdurchschnittlich gesund ernährt.

Chris und Kathi: Da wir selbst schon 20 bzw. 14 Jahre vegan leben, haben wir uns nicht verunsichern lassen. Wenn man sieht, wie gut einem vegane Ernährung selbst tut, dann bringt eine_n nichts aus der Spur. Außerdem haben wir die Erfahrung gemacht, dass kaum negative Reaktionen kommen, wenn man in Gesprächen selbstbewusst mit dem Thema umgeht.

Didi: Nein – niemals. Karnismus steckt so tief in unserer Gesellschaft, dass negative Berichte und Kommentare nur „natürlich“ sind. Und es wird immer Menschen geben, die meinen, alles besser zu wissen – egal welches Thema.

Wo habt ihr euch selbst informiert über vegane Kinderernährung?

Lena: Auf vegan.at und diversen veganen Eltern-Blogs.

Chris und Kathi: Wir hatten natürlich aus Unerfahrenheit zuerst einmal versucht, Informationen zu veganer Kinderernährung zu beschaffen, aber die meiste Literatur, die wir damals finden konnten, war sehr systemkonform geschrieben und ging von 6 Monate stillen, abstillen, Babybrei, Gläschennahrung etc. aus, so dass wir hierzu nicht wirklich etwas für uns gefunden haben. Bei einer abwechslungsreichen Ernährung ist mit BLW und Langzeitstillen kein Problem zu erwarten.

Didi: Einerseits natürlich die eigene Erfahrung, aber sonst vor allem durch die VGÖ-Broschüre „Vegane Ernährung für Kinder, Schwangere und Stillende“. Das war sehr hilfreich.

Enio (7) und Inara (2) mit ihren Eltern Chris (54) und Kathi (30)
Enio (7) und Inara (2) mit ihren Eltern Chris (54) und Kathi (30)

Zu guter Letzt: Habt ihr Tipps für andere vegane Eltern – oder solche, die es werden wollen?

Lena: Nicht durch blöde Kommentare verunsichern lassen, B12 supplementieren, mindestens ein Jahr stillen, wenn möglich. Und den Austausch mit anderen veganen Familien suchen.

Didi: Lasst euch nicht unterkriegen und verängstigen von irgendwelchen Medienberichten oder eurem Umfeld. Geißelt euch selber nicht durch Überperfektion. Hört auf eure Instinkte und euren Hausverstand und wenn ihr euch doch irgendwo unsicher fühlt, dann fragt andere Eltern, die damit schon Erfahrung gemacht haben, oder entsprechend ausgebildete, veganfreundliche Ärzt_innen. Die Informationsbroschüre der VGÖ ist ebenfalls sehr hilfreich.

Chris und Kathi: Auch von uns der Tipp: Lasst euch nicht verunsichern, falls euer Umfeld euch nicht unterstützt, und sucht Kontakt zu anderen veganen Familien. Fragen oder Vorwürfe, die kommen, am besten immer mit Gegenfragen beantworten. Zum B12: Anstatt Tiere damit zu mästen und sie umzubringen, nehmen wir das B12 direkt zu uns. Das ist sicherer und besser. Blutwerte: Interessiert euch immer auch für die Blutwerte der Fragenden. Körpergröße: Sind in U-Bahn oder Bus nur große Menschen, oder heißt das, dass alle, die kleiner sind, auch vegan leben? Der beste Tipp zum Schluss, falls ihr noch nicht vegan seid: Go vegan!

*Baby Led Weaning (BLW) bedeutet, dem Baby bei der Beikosteinführung freie Hand zu lassen: Statt Brei zu füttern darf das Kind Lebensmittel selbst in den Mund stecken und probieren.