Essen aus dem Müll
Dass in Wien täglich so viel Brot weggeworfen wird wie in ganz Graz gegessen wird, wissen wir spätestens seit Erwin Wagenhofers Dokumentarfilm We feed the world. Der Vergleich veranschaulicht drastisch das Absurde an einer Nahrungsmittelproduktion, die den Endverbraucher, das heißt den Esser, auslässt.
Wohl genau deshalb hat diese Information auch Eingang ins Bonmot-Repertoire bewusster Konsumenten oder solcher, die sich dafür halten, gefunden. Denn in den meisten Fällen, wenn von Ernährung und Marktwirtschaft die Rede ist, kann jemand mit dieser Weisheit aufwarten.
So auch Felix. Der 25-jährige Computerprogrammierer aus Guntramsdorf ist allerdings bestimmt keiner von denen, die so etwas einfach nur so dahin sagen.
Er weiß aus eigener Erfahrung, dass jeden Tag tonnenweise Lebensmittel weggeworfen werden, die teilweise noch originalverpackt und oft noch nicht einmal abgelaufen sind. Er ernährt sich davon.
So wie andere einkaufen gehen, durchsucht Felix zweimal die Woche die Abfallcontainer der Supermärkte in seiner Umgebung nach Essbarem.
Seine Öffnungszeiten sind allerdings erst nach Ladenschluss, sein Einkaufswagen ist ein geflochtener Korb, und seine Sonderangebote fischt er sich mit Taschenlampe und Handschuh selbst aus Bio- und Restmülltonne.
Vom Apfel bis zum Suppengrün ist darin alles zu finden, was Felix schmeckt. Die Früchte sind zwar nicht ganz frisch, aber von verdorben kann keine Rede sein. Bananen zum Beispiel kommen oft erst im Müll ins richtige Reifestadium, erzählt er. Und weil der Überfluss im Abfall genauso groß ist wie in den Supermarktregalen, kann er ruhig wählerisch sein.
"Natürlich gibt es im Mistkübel auch Sachen, die nicht verwertbar sind, die schmutzig sind, die vielleicht ein bisschen stinken oder angeschlagen sind. Aber die nehme ich mir nicht raus. Die meisten Leute wären sehr erstaunt, wenn sie sehen würden, wie hoch der Anteil an qualitativ guten Produkten ist, die einwandfrei allen hygienischen Standards entsprechen."
Dass das Wühlen im Mist übliche Vorstellungen von Sauberkeit und Hygiene verletzt, ist Felix durchaus bewusst. Abfall zu essen ist für ihn ein politischer Akt.
Denn es braucht schon eine Prise Anarchismus, um sich etwas auf den eigenen Teller zu legen, das andere entsorgt haben.
Tatsächlich ist Felix' Entscheidung, sich aus dem Müll zu ernähren, der Ausdruck eines umfassenden Lebensstils, der sich Freeganismus (von "free" und "vegan") nennt. Das Prinzip Reste zu verwerten ist zwar schon so alt wie die Menschheit selbst, die neue Vision, die die Anhänger der kleinen aber wachsenden Antikonsumismus-Bewegung aus New York darin sehen, ist, sich durch Konsumverzicht dem globalen Wirtschaftsystem, das Umweltverschmutzung, Massentierhaltung und soziale Ausbeutung verursacht, so weit als möglich zu entziehen.
Eine Lebenseinstellung, die für den Obmann der Veganen Gesellschaft Österreich auch den völligen Verzicht von Tierprodukten beinhaltet.
"Freegan zu leben bedeutet für mich, durch den Konsum, den ich selbst verursache, möglichst wenig Leid und negative Folgewirkungen in der Produktion entstehen zu lassen. Deshalb ist der schonendste Konsum für die Umwelt, die Tiere und damit auch für den Menschen, ganz darauf zu verzichten."
Quelle: FM 4, 10.09.2007
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