Menschliche Evolution: Vegetarischer Schlüssel zum Erfolg?Fleischkonsum galt stets als wesentlicher Grund für die Entwicklung zum modernen Menschen - US-Forscher vermuten die wahre Ursache aber in unserer Fähigkeit Stärke zu verdauen.Santa Cruz - Evolutionäre Erfolgsgeschichten hängen wesentlich vom Faktor Energie-Bilanz ab, also von der Frage: Wie können vorhandene Nahrungsmittel optimal verwertet werden? Ein Beispiel dafür wären die beiden großen Huftier-Ordnungen innerhalb der Säugetiere, Paarhufer und Unpaarhufer: Einst waren beide Ordnungen in vergleichbarer Artenvielfalt vertreten. Heute sind von den Unpaarhufern nur noch die Pferde, Nashörner und Tapire geblieben - während die Paarhufer, speziell die Familie der Hornträger (Antilopen, Rinder usw.), weiterhin enorm artenreich sind. Wichtigstes Erfolgsrezept der meisten Paarhufer ist die Fähigkeit des Wiederkäuens, das sie nährstoffarme Nahrung besser verwerten lässt und sie damit anderen Weidetieren überlegen macht. Zwar können nicht alle Paarhufer wiederkäuen - vor allem die große Gruppe der Schweine -, doch sind die Schweine als Ausgleich für diesen Mangel große Nahrungsallrounder: eine weitere Erfolgsstrategie in Sachen Ernährung. Was der Mensch zu verdauen hat Und auch für die Entwicklung des Menschen war die Nahrungsverwertung entscheidend: Bislang waren Wissenschafter davon ausgegangen, dass vermehrter Fleischkonsum und die durch Jagen gewonnene proteinhältigere Nahrung den Homo sapiens so erfolgreich gemacht habe. Ein Forscherteam um Nathaniel Dominy von der University of California in Santa Cruz sieht das allerdings anders. Sie glauben, dass die beschleunigte Entwicklung des menschlichen Gehirns eher von der Fähigkeit begünstigt wurde, kalorienreiche stärkehaltige Nahrungsmittel zu verdauen. Ihre Forschungsergebnisse haben sie in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature Genetics" veröffentlicht. "Sogar wenn man moderne Jägergesellschaften auf dieser Erde betrachtet, kommt man zum Schluss, dass der Fleischkonsum eine relativ geringe Rolle bei ihrer Ernährung spielt." Es sei nicht nachvollziehbar, dass vor zwei bis vier Millionen Jahren ein kleinhirniges zweibeiniges Tier effizient nach Fleisch jagen konnte, argumentiert Dominy. Was die Wissenschaftler in ihrer Theorie bestärkt, ist die Tatsache, dass Menschen über das Gen AMY1 verfügen: Dieses spielt eine wichtige Rolle bei der Bildung des Verdauungsenzyms Amylase, dessen Wirkung darin besteht, Polysaccharide wie zum Beispiel Stärke an den Glykosidbindungen zu spalten und abzubauen. Rückschlüsse auf die Vergangenheit Das Forscherteam untersuchte verschiedene Gruppen von Menschen, die stark abweichende Speisepläne hatten. Dabei verglichen sie Menschen, die sehr viel Stärke zu sich nehmen, mit jenen, die sich von weniger stärkehaltigen Nahrungsmitteln ernähren. So waren bei den Yakut, einem Volk, das in der Arktis lebt und sich hauptsächlich von Fisch ernährt, deutlich weniger verschiedene AMY1-Gene vorhanden als etwa bei Japanern, die große Mengen von Reis zu sich nehmen. Die Forscher gehen nun davon aus, dass die ersten Menschen nach neuen Nahrungsmitteln zu suchen begannen und nicht ausschließlich reife Früchte - wie dies etwa Primaten tun - zu sich nahmen. Dabei stießen die Frühmenschen auf stärkehaltige Knollen - unter anderm die "Vorfahren" der heutigen Kartoffel und Zwiebelknollen. Nicht alle Forscher glauben aber, dass Dominy damit eine definitive Antwort gefunden habe. "Es ist unmöglich darauf zu schließen, dass mit Beginn der stärkehaltigen Nahrungsmittel auch das Wachstum des Gehirns eingesetzt hat", meint etwa John Dupre, Philosoph und Wissenschaftler der Exeter University - und verweist dabei auf die zahlreichen Unterschiede, die zwischen dem Homo sapiens und seinen nächsten Artverwandten bestehen. (pte/red) Quelle: derstandard.at, 15.09.2007
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