Neuseeland: Klimakiller im SchafspelzDer Kampf gegen den Klimawandel beginnt also auf der Weide - und in denForschungslabors auf Neuseeland, wo weltweit führend Pillen und Impfungen gegen das tierische Treibgas entwickelt werden. Schafe mit Kopfgeschirr und Plastikkragen? Schafe mit gläsernen Ställen? Rätselhaftes Neuseeland? Fakt ist: Diese Lämmlein sind Umweltsünder: Mit Pups und Pipi bedrohen sie die Atmosphäre. Und das ist kein Witz. "Fünfzig Prozent der Treibhausgase Neuseelands werden von unseren Viehbeständen produziert", erklärt Tierschützer Hans Kriek von SAFE (Save Animals from Exploitation). "Wenn Neuseeland etwas gegen die Globale Erwärmung tun will, muss es bei der Viehproduktion anfangen." Neuseeland: Grün und sauber - Das Land ist stolz auf dieses Image Andrew Peters (Balguhidder-Farm, Taimape Township, Nordinsel Neuseeland) besitzt 2.000 Schafe. Das Fleisch der Lämmer bringt gutes Geld. Was ihn zornig macht, sind Pläne der Neuseeländischen Regierung, eine Umweltsteuer auf Viehbestände zu erheben: Die umstrittene 'Pups-Steuer'. "Das ist doch Blödsinn" sagt er. "Der Einsatz fossiler Brennstoffe ist doch ein viel größeres Problem als pupsende Schafe. Anders als Brennstoffeinsatz sind pupsende Tiere doch etwas Natürliches." Doch Neuseelands Wissenschaftler haben es erforscht: Schafe und Rinder produzieren Methan. Und aus den gedüngten und mit Kot und Urin getränkten Weiden steigt Distickstoffmonoxid, Lachgas also. Beides starke Treibhausgase. Das Kopfgeschirr dient Forschungszwecken: Im Grasslands Research Centre werden die Ausdünstungen der Schafe gemessen. In den Plastikrohren am Hals herrscht Unterdruck, der saugt ab, was die Tiere ausatmen. Das lässt sich dann untersuchen. Das meiste Methan entsteht übrigens beim Rülpsen der Tiere, weniger beim Pupsen, darum misst man vorn. Und nicht hinten. Warum finanziert ausgerechnet Neuseeland solche Forschungen? "Es will ein guter Bürger der Weltgemeinschaft sein, sagt Harry Clark (AgResearch Grasslands Research Centre). Unser Beitrag zum Klimaschutz ist der Versuch, Emissionen aus Viehaltung zu reduzieren. In den Glaskästen kann noch genauer gemessen werden. Die Tiere dürfen, zu ihrem Schutz, nur zwei Tage lang so gehalten werden. Methan ist ein scharfes Treibhausgift 30 mal schädlicher als CO2. Wie viel Methan produziert ein einzelnes Schaf? Kann man den Ausstoß verringern, etwa durch Impfen? Lassen sich emissionsarme Tiere züchten? Dazu wird hier geforscht: Den Konsum von Fleisch und Milch weniger schädlich zu machen. "In entwickelten Ländern herrscht nun mal Nachfrage nach tierischen Produkten", so Harry Clark. "Wir wollen die liefern mit möglichst wenig Emissionen." Noch kommen aus Neuseeland nur 0.2 Prozent der globalen Emissionen. Aber der Ausstoß wächst. Und es rodet derzeit riesige Waldflächen. Der Wald wird abgeholzt, um Platz für neue Rinderweiden zu machen. Tausende von Hektar. Die Wurzeln lässt man zum Verrotten liegen. Solche Landschaften prägen heute große Teile von Neuseeland. Brian Mathis (Trinity Farm, Atiamuri Township, Nordinsel Neuseeland) besitzt 760 Milchkühe: Ein mittelgroßer Familienbetrieb hier. Zu seinen Kälbern hat er noch eine etwas altmodische Zuneigung. Aber ansonsten, so sagt er selbst, ist seine Farm eher eine Fabrik. Zur Melkstunde ziehen seine Tiere heran. Eine riesige Herde. Und er expandiert. Denn: Die Nachfrage nach Milch ist weltweit explodiert. Die Preise haben sich in den letzten anderthalb Jahren schlicht verdoppelt. Neuseeland ist der größte Milchexporteur der Welt Trockenmilch, Butter, Käse: Vor allem das Wirtschaftswunderland China hat plötzlich gewaltigen Milchdurst und es beschert den Milchbauern einen Boom: Milch ist heute das Lebenselixier der Neuseeländischen Wirtschaft. "Unser Land ist abhängig von unseren Milchprodukten", erklärt Brian Mathis. "Das Land lebt davon. Und das ist", grinst er, "ganz prima so." Dass wachsende Rinderherden mehr Emissionen bedeuten, weiß der Farmer. Aber er muss sich am Markt orientieren: "Viehhaltung ist schädlich für die Umwelt. Das gilt weltweit. Doch Neuseelands Lebensstandard beruht heute auf der Kuh. Aber, Autofahren ist auch umweltschädlich. Wenn für Umweltschutz gezahlt werden muss, dann nicht nur von den Farmern, sondern von allen." Die Viehhaltung produziert weltweit 15 Prozent aller Treibhausgase Entwicklungsländer wie Indien oder Brasilien mit seinen riesigen Rinderherden sind wahrscheinlich die größten Verschmutzter dieser Art. "Das Beste ist, weniger Fleisch zu essen, vegetarisch oder besser noch veganisch zu leben", sagt SAFE-Tierschützer Hans Kriek. "Um weniger Emissionen zu verursachen, ist es besser, kein Fleisch zu essen als ein kleines Auto zu haben. Fleisch zu essen ist schädlicher, als ein großes Auto zu fahren." Ob diese Tierschützer-Theorie so richtig ist, kann debattiert werden. Aber Schafe und Rinder, so steht fest, sind umweltschädlich. Schwer zu begreifen für Farmer von altem Schrot und Korn. Kein Bauer will doch die Umwelt zerstören, sagt Andrew. Wenn wir das Land nicht pflegen, können wir darauf nichts produzieren. Neuseeland ist Vorreiter in der Diskussion um Tier-Emissionen. Methanproduzenten sind dabei übrigens nur die Wiederkäuer. Gasproduktionen aus dem Menschen gelten als unschädlich. Quelle: Sendung vom 04.11.2007 19:20 Uhr (NDR) Autor: Robert Hetkämper/ ARD-Studio Singapur |