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Jodmangel – überflüssig wie ein Kropf? Jahrhundertelang war das Bild der AlpenbewohnerInnen geprägt von riesigen Kröpfen* (siehe „Infobox Krankheiten“). Bereits aus der römischen Zeit sind Überlieferungen bekannt, die das vermehrte Auftreten von Schilddrüsenvergrößerungen in der Alpenregion beschreiben. Obwohl Kröpfe damals erfolgreich mit Hilfe von Algen, Meertangasche oder getrocknetem Meerschwamm behandelt wurden, gaben sie der Wissenschaft lange Zeit Rätsel auf. Erst seit dem 19. Jahrhundert ist der Zusammenhang mit Jodmangel nachgewiesen. Da während der letzten Eiszeit Jod aus den Berggebieten ausgewaschen wurde, sind sowohl alpine Böden als auch Pflanzen und Trinkwasser sehr jodarm. Einige Regionen sind besonders stark betroffen: In der Steiermark, damals bekannt als das „Land der Kropferten“, hatte noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Hälfte der EinwohnerInnen einen Kropf, über 10% litten an Kretinismus*. 100 Jahre später sind Fälle von sichtbarem Kropf hingegen eine Seltenheit; das Krankheitsbild des Kretinismus ist gänzlich verschwunden. Was hat sich verändert? Die rechtlich vorgeschriebene Jodanreicherung von Speisesalz mit 10 mg Kaliumjodid/kg begann in Österreich im Jahre 1963. Wie Langzeitstudien bewiesen, hatte sich die Anzahl der Kröpfe 25 Jahre später drastisch reduziert, Kretinismus und Schilddrüsenunterfunktion bei Neugeborenen waren komplett verschwunden. Da jedoch immer noch einige Kröpfe bei Jugendlichen und Erwachsenen auftraten, wurde die Menge 1990 auf 20 mg Kaliumjodid/kg Salz erhöht. Einige Jahre später zeigten Untersuchungen in verschiedenen Regionen Österreichs eine zwar nicht ganz den Empfehlungen der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) entsprechende, aber dennoch akzeptable Jodaufnahme. Die Empfehlung der ÖGE liegt bei einer Menge von 200 µg, welche ohne weiteres durch jodiertes Speisesalz (10 g = 2 Teelöffel) abgedeckt werden kann. Da gesundheitsbewusste Menschen – zu denen viele VeganerInnen zählen – ihren Salzkonsum reduzieren, um negative Auswirkungen auf Blutdruck und Knochen zu vermeiden, erreichen diese aber meist deutlich weniger als die empfohlenen 200 µg. Somit ist eine Überdosierung bei VeganerInnen nicht zu befürchten, eher eine Unterversorgung. Auf Schlagzeilen wie „Krank durch heimliche Zwangsjodierung“ oder „Der Jod-Krimi“, stoßen aber kritische LeserInnen auf einschlägigen Webseiten oder in alternativen Zeitschriften häufiger. Die Aufnahme von künstlich zugesetztem Salz führe zu Akne, vermehrtem Auftreten von Autonomien* und Schilddrüsenkrebs*, heißt es. Da auch viele Industrieprodukte (ohne spezielle Kennzeichnung) mit Jodsalz hergestellt werden, sei die Bevölkerung der Jodschwemme hilflos ausgeliefert. Hinzu kommen Warnhinweise auf Verpackungen von Algen, die nicht gerade dazu beitragen, eine gesetzlich verordnete Jodierung unbekümmert hinnehmen zu wollen. Fakt ist zwar: Es kann zu Überdosierungserscheinungen kommen, bei gesunden Erwachsenen allerdings nicht unterhalb einer Tagesdosis von 2000 µg. Kritisch werden kann lediglich der Konsum von Algen: Sie enthalten extrem hohe Jodmengen, weshalb der Verzehr einer genauen Kontrolle bedarf (zum richtigen Umgang mit Algen und Alternativen zur Jodaufnahme siehe Infobox „Tipps für die Praxis“). Jod so weit wie möglich meiden sollten indessen Personen, die an einer Schilddrüsenerkrankung wie Morbus Basedow* oder Hashimoto Thyreoiditis* leiden. Für Menschen, die bei sich Symptome einer gestörten Schilddrüsenfunktion bemerken (siehe Kasten), ist eine Kontrolle der Schilddrüsenhormone dringend anzuraten. Ersten Aufschluss liefert der TSH-Wert, der im Bereich zwischen 1 und 2,5 liegen sollte (Laboratorien geben als Referenzwert meist 0,1 – 4,0 an – dieser ist jedoch veraltet!). Weicht der Wert ab, ist unbedingt ein Arzt bzw. eine Ärztin aufzusuchen, um gegebenenfalls weitere Bestimmungen durchführen zu lassen und notwendige Maßnahmen einzuleiten. Dennoch, trotz Gefahr einer zu hohen Jodaufnahme bei vorhandener Schilddrüsenfunktionsstörung: VeganerInnen sollten keinesfalls das Risiko eines Jodmangels eingehen. Insbesondere Kinder, Schwangere und Stillende müssen unbedingt ausreichend mit diesem Nährstoff versorgt sein, weil sonst die Gefahr von Schilddrüsenunterfunktion, Kropf, geistiger Entwicklungsstörung des Kindes bis hin zu Kretinismus besteht. Studien mit VeganerInnen aus verschiedenen Ländern zeigen eine Unterversorgung, die über jene von AllesesserInnen und Ovo-Lakto-VegetarierInnen hinausgeht. So werden aus England Fälle von Neugeborenen mit starker Schilddrüsenunterfunktion und Kropf berichtet, die auf die - falsch praktizierte! – vegane Ernährung der Mutter zurückzuführen sind. Das ist schade, da es genügend Möglichkeiten gibt, auch vegane Kinder mit ausreichend Jod zu versorgen. Voraussetzung ist nur die Beschäftigung mit der Thematik und eine entsprechende Handlungsweise. Während AllesesserInnen zur Deckung des Jodbedarfs neben Fisch und Milchprodukten auch industrielle Fertigprodukte zur Verfügung stehen, ist die Auswahl für VeganerInnen eingeschränkt. Als „natürliches“ Lebensmittel kommen lediglich Algen in Frage. Wer diese nicht benutzen möchte, muss auf Nahrungsergänzungsmittel oder angereichertes Speisesalz zurückgreifen. Anzumerken bleibt allerdings, dass auch Milchprodukte nur deshalb relevante Jodquellen darstellen, weil Tierfutter mit Jod angereichert wird. Ein wesentlicher Vorteil veganer Kost gegenüber omnivorer ist offensichtlich: Da vegane Menschen kaum industrielle Fertigprodukte konsumieren, verbleibt die Entscheidung über Art und Höhe der Jodaufnahme letztendlich bei Konsument und Konsumentin. Andererseits ist die Gefahr einer deutlichen Unterversorgung, die gravierende Schäden zur Folge haben kann, ebenfalls nur bei veganer Ernährung gegeben. Die Eigenverantwortlichkeit spielt für vegane Personen also eine wesentlich größere Rolle als für AllesesserInnen - was aber durchaus als Vorteil zu sehen ist.
STECKBRIEF JOD Wichtig für: Schilddrüse, Stoffwechsel, Körperwachstum und –entwicklung. Infobox Krankheiten * Kropf: Eine vergrößerte Schilddrüse, die mit Schluck- und Atembeschwerden einhergehen kann. Entstehung: Ein Jodmangel führt zu einem Defizit an Schilddrüsenhormonen im Blut. Um mehr Hormone produzieren zu können, vergrößert sich die Schilddrüse (= Kropfbildung).
Tipps für die Praxis:
Schilddrüsenüberfunktion: Es werden zu viele Schilddrüsenhormone produziert, die alle Organsysteme übermäßig ankurbeln. Symptome: Verstärktes Schwitzen, Wärmeunverträglichkeit, warme Haut, Herzklopfen, schneller und manchmal unregelmäßiger Puls, Nervosität, Unruhe, Rastlosigkeit, innere Anspannung, Zittrigkeit, Gewichtsverlust trotz guten Appetits, häufige und manchmal durchfallartige Stuhlentleerungen, Durst, körperliche Leistungsschwäche, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Regelstörungen und Potenzprobleme. Eine Überfunktion wird am häufigsten durch Autonomien oder Morbus Basedow ausgelöst. Während M. Basedow meist in jüngeren Jahren zum ersten Mal auftritt, sind unentdeckte Autonomien bei Menschen über 45 Jahren häufig. Schilddrüsenunterfunktion: Es werden zu wenige Schilddrüsenhormone gebildet, was zu einer Verlangsamung des Stoffwechsels führt. Symptome: Kälteempfindlichkeit, ständige Müdigkeit, Antriebsschwäche, Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten, verlangsamter Puls, Wassereinlagerungen, Gewichtszunahme, raue Stimme, kalte, trockene, schuppende und blassgelbe Haut, Verstopfung, Zyklusstörungen und Unfruchtbarkeit. Eine Schilddrüsenunterfunktion kann unter anderem als Folge einer Hashimoto Thyreoiditis auftreten oder angeboren sein. Quellenangaben: APPLEBY PN, THOROGOOD M, MANN JI, KEY TJ. The Oxford Vegetarian Study: an overview.Am J Clin Nutr. 1999 Sep; 70 (3 Suppl): 525-531. BASTEMIR M, EMRAL R, ERDOGAN G, GULLU S. High prevalence of thyroid dysfunction and autoimmune thyroiditis in adolescents after elimination of iodine deficiency in the Eastern Black Sea Region of Turkey. Thyroid. 2006 Dec; 16 (12): 1265-71. DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR ERNÄHRUNG, ÖSTERREICHISCHE GESELLSCHAFT FÜR ERNÄHRUNG, SCHWEIZER GESELLSCHAFT FÜR ERNÄHRUNGSFORSCHUNG, SCHWEIZERISCHE VEREINIGUNG FÜR ERNÄHRUNG: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, Umschau Buchverlag; 2000. EBER O, WAWSCHINEK O, LANGSTEGER W, LIND P, KLIMA G, PETEK W, SCHUBERT B. Iodine supplementation in the province of Styria. Wien Med Wochenschr. 1990 May 15; 140 (9): 241-4. ELMADFA I, LEITZMANN C. Jod. In: Ernährung des Menschen. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1998; 238-241. KANAKA C, SCHUTZ B, ZUPPINGER KA. Risks of alternative nutrition in infancy: a case report of severe iodine and carnitine deficiency. Eur J Pediatr. 1992 Oct; 151 (10): 786-8. REMER T. NEUBERT A, MANZ F. WALDMANN A, KOSCHIZKE JW, LEITZMANN C, HAHN A. Dietary intakes and lifestyle factors of a vegan population in Germany: results from the German Vegan Study. http://www.forum-schilddruese.de/bauteile/texte/fs_broschuere_frageantwort.pdf (Zugriff: 06.09.2007) |