Teil 1: Plädoyer für die freie Marktwirtschaft

von Mag. Thomas Winger

Ich möchte auf diesem forum einen kontrapunkt setzen, zu den pausenlos wiedergekäuten phrasen vom menschenverachtenden kapitalismus, der teuflischen globalisierung, den ausbeuterischen maerkten, usw. Ich finde mich oft in einem umfeld wo diese aussagen gepredigt werden, weil mir die prediger dieses envangeliums als menschen oft sympathischer sind als diejenigen, die das gegenteil predigen. In diesem speziellen fall moechte ich aber vermeiden, das die tierrechtsbewegung in ein monolithisches lager von naiven wirtschaftsfeinden und uninformierten globalisierungsgegnern abgleitet, weil damit der causa der tiere (der menschlichen aber vor allem auch nicht-menschlichen) ein extrem schlechter dienst erwiesen wird. mir scheint es wichtig, dass tierrechte aus möglichst vielen verschiedenen politischen meinungsspektren vertreten und gerfordert werd anstatt von einer einzigen politischen meinung monopolisiert zu werden.

Mein statement gliedert sich in einen ersten teil, der die meriten der sozialliberalen marktwirtschaft argumentiert und einen zweiten teil, der die vorteile der globalisierung behandelt.

Wann immer eine qualifizierende terminologie wie "meriten" und "vorteile"verwendet wird, muessen natuerlich zuerst die praemissen etabliert werden, i.e. was als erstrebenswert erachtet wird:

1. prämisse
ziel ist die anerkennung und durchsetzung von grundrechten für menschliche und nicht-menschliche Tiere durch einen demokratischen prozess (wer diese praemisse nicht teilt, erspart sich das weiterlesen, das gilt z.B. für alle, die sich einen autoritären zugang zum thema vorstellen)

2. prämisse
zur erreichung von (1.) ist ein wachsender materieller wohlstand der menschen (vor allem in den ländern der 2. und 3. Welt) notwendig, (erfahrungsgemäß ist die befriedigung der eigenen grundbeduerfnisse (1.stufe von maslows pyramide) meistens voraussetzung, wenn es darum geht, an die bedürfnisse von anderen individuen zu denken, die nicht zum engsten kreis der zugehörigkeit zählen (e.g. nicht zur familie, nicht zur eigenen hautfarbe oder nicht zur eigenen spezies)

auch hier kann sich nun jeder ausklinken, der dieses ziel einer erhöhung des materiellen wohlstandes nicht für erstrebenswert hält; das gilt vor allem für alle jene, die für die weltrevolution agitieren und in historischer fortführung der russ. anarchisten meinen, die neue weltordnung kann nur auf den brennenden trümmern der vergangenheit etabliert werden. Diese personen müssen also (wie auch im 19.jh.) folgerichtig ganz offen auf eine verschlimmerung aller misstaende hinarbeiten, jede reform verhindern, damit "die gequälten massen einmal zu einem punkt gelangen wo sie die tortur nicht mehr aushalten können und sich erheben" (bakunin).

3. prämisse
Der effektivste und schnellste weg zur erreichung von punkt 2 ist wirtschaftswachstum (spätestens hier verliere ich all jene, die zwar punkt (2) für erstrebenswert halten, aber einen anderen weg propagieren ihn zu erreichen)

bevor kategorische schlagworte durch die gegend gewirbelt werden, hilft es, die verwendeten begriffe einmal wertfrei und emotionslos technisch zu definieren:

z.b. wirtschaft:
der inbegriff alle einrichtungen zur befriedigung der bedürfnisse der menschen an guetern. Nachdem die beduerfnisse ihrer natur nach unbegrenzt sind, die zur befriedigung zur verfuegung stehenden mittel aber knapp, versucht ein wirtschaftssystem eine optimierung nach massgabe der vorgegebenen prioritaeten.

z.B.: kapitalismus:
ein wirtschaftssystem, das sich dadurch auszeichnet, das die meisten (aber bei weitem nicht alle) produktionsmittel im privaten eigentum stehen, und das produktion und einkommensverteilung im grossen und ganzen entsprechend der nachfrage regelt.

Beim lesen sollte es klar werden, daß sowohl "wirtschaft" als auch "kapitalismus" von sich aus wertfrei sind. Die besetzung mit werten geschieht erst durch die definition der bedürfnisse, also der erstrebten güter und der regeln innerhalb derer agiert werden kann; genauso wie pelzmäntel und schnelle autos und stierkämpfe könnten es auch ein holztisch oder ein sonnen-energie vehikel sein - die wahl liegt beim individuum.

Was soll nun anti-kapitalismus sein und vor allem was soll daran notwendigerweise besser sein: kein privateigentum, sondern kollektivismus? Kein freier markt sondern planwirtschaft?

Der kapitalismus in der europaeischen auspraegung einer sozialliberalen marktwirtschaft, mixed economy (privatwirtschaft mit einigen wesentlichen oeffentlichen elementen) in einem demokratischen umfeld ist wie kein anderes system verknüpft mit einem der wesentlichen merkmale der westlichen zivilisation, nämlich dem individualismus und der wahlfreiheit des individuums. In einem demokratischen, sozialliberalen umfeld ermöglicht er jeder person die maximale gestaltungsmoeglichkeit ihres freiraums, bis dorthin, wo der freiraum des nachbarn beginnt.

Die grosse stärke des kapitalismus und der marktwirtschaft und der grund, warum er trotz zahlloser grabesreden das dominierende wirtschaftssystem ist und voraussichtlich auch bleiben wird, ist seine unglaubliche dynamische flexibilität. Deswegen bietet er auch den idealen rahmen für die durchsetzung aller reform- und befreiungsbewegungen wie die der tierrechte. Ganz gleich wie eng das regelkorsett ist, das dem kapitalismus vom gemeinwesen umgeschnuert wird (und es muß selbstverstaendlich ein sehr enges sein), er wird immer die effizienteste wirtschaftsleistung unter den gegebenen umstaenden bringen. Es steht dem gesellschaftlichen konsens vollkommen frei, der berühmten stecknadelfabrik von adam smith alle nur denkbaren sozialen auflagen zu erteilen, verbot der kinderarbeit, fortbildung für mitarbeiter, kinderkrippe, frühpension, zehnfache filter fuer abwässer, lärmschutz, eine erschütterungsfreie zone fuer die siebenschlaefer kolonie von nebenan usw, usw. - die fabrik wird immer unter den gegebenen bedingungen die effizienteste produktion von stecknadeln verwirklichen.

Es wäre auch durchaus machbar, im rahmen einer gesellschaftlichen neubewertung allgemeiner güter die kapitalistische wirtschaft eine richtungskorrektur der werteskala durchführen zu lassen, die tatsache, dass es noch nicht geschehen, ist stellt einen politischen fehler dar, keinen wirtschaftlichen: Der durchsetzung von tierrechten und einer veganisierung der wirtschaft steht nicht das wirtschatssystem im wege sondern die politik, genauso wie auch bei anderen, weniger fundamentalen misstaenden: Die strassenbenützung ist zu billig - roadpricing waere eine lösung, die belastung der umwelt durch die industrie ist zu hoch - eine starke ökologische komponente in der besteuerung würde abhelfen usw. - all das ist möglich, aber es braucht den politischen willen und dazu wiederum die mobilisierung des wahlvolks, die überzeugungsarbeit das all das auch wirklich wünschenswert ist.

Kein wie immer geartetes wirtschaftssystem ist von sich aus besser als die individuen, deren aktivitaeten es regelt. zynismus, egoismus, hypokrisie sind nicht system-immanante fehler sondern defizienzen der individuen. Zum unterschied von anderen systemen erlaubt der liberale kapitalismus und die freie marktwirtschaft aber bewegungen, die eine erneuerung von innen betreiben. Er erlaubt, das menschen auf die straße gehen und ihre botschaft verbreiten, zeitungen herausgeben und radioprogramme machen und überzeugungsarbeit leisten.

Jeder, der wie bodyshop, vegavit in tirol oder lebensweise in wien wirtschaftlich aktiv ist, engagiert sich im gesellschaftlichen prozess und rückt dadurch das wertesystem ein stück in die richtige richtung, wer vegetarian shoes und cruelty free products kauft, verschiebt mit dieser konsumentscheidung unmerklich die balance des gesellschaftlichen konsens in die richtige richtung.

Das argument, das die kollateralschaeden eines solchen kaufs unerträglich sind scheint mir so lächerlich wie z.b. die entscheidung nicht zu atmen aus angst davor beim ausatmen bakterien oder mundgeruch zu verströmen oder nicht zu essen aus angst durch die ausscheidung eine überduengung des bodens herbeizuführen... Wenn jemand versucht sich aus dem wirtschaftlichen prozess auszuklinken und zum sammler wird, richtet das vielleicht wenig schaden an, aber der positive effekt im vergleich zu den oben genannten protagonisten ist zero. Das egoistische streben nach einer maximalen persönlichen hygiene wird wichtiger eingestuft als die arbeit am gesellschaftlichen konsens.

Noch ärgerlicher hingegen scheint mir die häufige gleichstellung von tierrechten mit umweltschutz: "Tierrechte müssen zusammen mit umweltschutz betrachtet werden", heisst es, was soviel bedeutet wie "trennt brav euren müll und verschickt keine anthraxbriefe, denn nur wer sich aktiv gegen die müllsuender engagiert verhindert auch die verbreitung von anthrax" - das ist eine bewusste, dreiste irrefuehrung durch verwendung verschiedener moralischer kategorien in einem atemzug.

Zurück zu der vorsintflutlichen terminologie des 19.jahrhunderts (ausbeutung, menschenverachtend, menschen zur ware reduzierend) mit denen die mitteleuropäische sozialliberale marktwirtschaft oft bedacht wird:

Für einen steirischen hauptschulabgaenger, der als mechaniker im global agierenden (oh, schreck!!!) magna konzern einen voyager zusammenschraubt, den ausdruck "ausgebeutet" zu verwenden, so wie er für das englische arbeiterproletariat des 19.jahrhunderts passend war, ist eine ähnlich monströse begriffsverwirrung und zeugt entweder von unkenntnis oder von reiner polemik.

Über 90% aller mitteleuropäer erlaubt das wirtschaftssystem ein leben in einem materiellen wohlstand mit sicherheit und mit mehr freizeit als jemals zuvor. Niemals in der geschichte hat der durchschnittliche mitteleuropäer seine lebensführung in so hohem ausmass selbst bestimmen können wie heute. Natürlich besteht nach wie vor die notwendigkeit, einer tätigkeit nachzugehen, um für die befriedigung der eigenen materiellen bedürfnisse zu sorgen. Diese notwendigkeit kannte aber der prähistorische sammler genauso wie der in einer unkapitalistischen subsistenzwirtschaft lebende indio im amazonas. Immer schon war der mensch gefangener seines körpers und seines geistes, dagegen politisch zu lamentieren ist ziemlich sinnlos. diese art der "unfreiheit" mit dem ausdruck "versklavung" zu bedenken (wobei der großteil der angeblichen sklaven es massiv abstreiten würden, nur die "erleuchteten" der weltrevolution können den zustand bei den anderen ja erkennen...) reiht sich nahtlos in den terminologischen missbrauch ein wie obige beispiele.

Die tatsache, dass all der verfügbare materielle wohlstand keine hilfe bei der suche nach spiritueller befriedigung bringen kann, muss jeder einzelne für sich heraus finden. Die überschwemmung mit seichter unterhaltung, sinnlosen gadgets und überfluessigen konsumgütern, die unsere westliche zivilisation charakterisiert, reflektiert die aktuelle disposition des einzelnen individuums. nur durch einen systematischen lernprozess kann diese sich schrittweise dahingehend ändern, dass andere, weniger materielle "güter" begehrt werden. der reifungsprozess kann nur von innen kommen, nicht von aussen aufgezwungen werden durch eine gruppe selbsterklärter "weiser", die der konsumierenden masse erzählen, welche ihrer bedürfnisse "echt" sind und welche nur "künstliche suggeriert" werden, oder gar versuchen, sie in ihren wahlmöglichkeiten einzuschränken, weil sie aus unerfindlichen gründen glauben mehr zu wissen als die "masse".

Seitenanfang | Übersicht