Teil 2: Plädoyer für die Globalisierung

von Mag. Thomas Winger

Der erste Teil meines Plädoyers beschäftigte sich mit einer verteidigung der liberalen marktwirtschaft. Diese wird uns allerdings trotz aller Schuldzuweisung für Misstände voraussichtlich noch lange erhalten bleiben, weil das einzelne politische individuum nicht freiwillig auf seine wahlmöglichkeiten verzichten wird (siehe Plädoyer für die freie Marktwirtschaft).

Die globale wirtschaftliche integration kann sich leider auf keinen so breiten konsens stützen, und die geschwindigkeit, mit der sie realisiert wird, kann von der öffentlichen meinung durchaus signifikant beeinträchtigt werden, augenblicklich leider in bremsender richtung.

Meine 10 Jahre ununterbrochenen aufenthalts in südamerika und ausgedehnte reisen in der dritten welt erzeugen in mir einen gewaltigen ärger über die uninformierte arroganz der selbsternannten drittwelt experten, die ihre persönlichen moralischen hygienevorstellungen auf dem rücken der drittwelt bevölkerung ausleben.

Wenn man selbst in einem entwicklungsland lebt ist es plötzlich evident, dass wirtschaftswachstum lebensnotwendig ist, weil die verringerung des materiellen elends - die erfüllung der grundbedürfnisse für die menschen oberste priorität hat (siehe prämisse 3 von "plädoyer für die freie marktwirtschaft"). In kolumbien wird niemand in selbstgefälliger moralischer reinheit sein abendessen aus dem müllcontainer des supermarkts sammeln können, dort gibt es dabei nämlich eine menge konkurrenz, für die das nicht freiwillig gewähltes "ethisches leben" sondern überlebenskampf ist. versuch einmal einem arbeitslosen kolumbischen textilarbeiter zu erklären wie "versklavt" und "ausgebeutet" du dich im westeuropäischen sozialstaat fühlst - ich hoffe seine antwort wird dir lange im gedächtnis bleiben!

Eines der wichtigsten argumente für handel ist nach wie vor das der freiheit; wenn menschen aus freien stücken güter handeln wollen, weil sie meinen, dass es in ihrem interesse liegt, so soll niemand es ihnen deswegen verbieten, weil er glaubt ihr interesse besser zu kennen als sie selbst. In keinem moment heisst internationale integration aber laissez-fair kapitalismus - genauso wie die freie marktwirtschaft in einem nationalen umfeld eines starken regelnden korsetts durch die staatsgewalt bedarf, so braucht sie das in einem internationalen umfeld auch.

Es steht ausser frage, dass das prioritäre interesse von unternehmen darin liegt profite zu machen. Sinn und zweck einer wirtschaftordnung sollte aber nicht sein zu versuchen dieses interesse zu ersticken, sondern es in eine kraft für sozialen fortschritt zu kanalisieren. Das erkennt die anti-globalisierungsbewegung leider großteils nicht, und deswegen erreichen viele maßnahmen genau das gegenteil des gewünschten erfolgs:

z.b.: eine multinationales unternehmen zahlt in der dritten welt den arbeitern den lokalen minimum lohn. NGOs in der westlichen welt, erzwingen eine lohn erhöhung. Das multinationale Unternehmen zahlt diese höhren löhne auch und gibt die kosten dafuer eins zu eins weiter an den westlichen konsumenten, der auch bereitwillig mehr zahlt (er ist ja politisch bewusst) - all diejenigen arbeiter aber, die in den lokalen fabriken dieses drittwelt landes arbeiten, und ihre höheren stückkosten nicht weitergeben können, finden sich auf der straße wieder weil ihr arbeitgeber nicht mehr wettbewerbsfähig ist. sie dürfen also als opfer der gutmeinenden globalisierunggegner betteln gehen.

Es wird gesagt, globalisierung schadet immer der armen bevölkerung. Das ist eine bewusste (oder durch unverständnis unbewusste) falsche darstellung: Globalisierung nimmt zwar (vor allem unqualifizierten) arbeitern der entwickelten welt jobs weg, das aber zugunsten von anderen (billigeren) arbeitskräften in der 3.welt. Das ist angeblich doppelt schädlich - relativ arme unqualifizierte arbeiter aus der 1.welt sind nun arbeitslos, während die arbeit nun von einem ausgebeuteten 3.welt arbeiter ausgeführt wird. Warum ist der 3.welt arbeiter ausgebeutet? - weil er weniger gezahlt bekommt als die arbeiter der 1.welt, länger arbeitet, schlechtere sozialleistungen hat etc. wer ist der nutznießer? Nur der unternehmer! Unfug! Den arbeitslosen arbeitern der 1.welt geht es zwar nun deutlich schlechter (sie können aber im sozialnetz des wohlfahrtsstaates aufgefangen werden), aber den arbeitern der 3.welt geht es wesentlich besser als zuvor, weil sie sonst die jobs nicht angenommen hätten (frag den kolumbischen textilarbeiter!!). Die profite des unternehmens sind ebenfalls nur kurzzeitig höher, dann folgen andere unternehmen und der wettbewerb treibt den preis tiefer, womit alle konsumenten, ob arm oder reich tiefere preise zahlen und in einer besseren lage sind als zuvor.

Die wirtschaftliche integration verschiebt daher in wirklichkeit nicht einkommen von arbeitern zu investoren, sondern es verschiebt arbeitplätze, und zwar meistens in richtung der ärmsten bevoelkerung und das ergebnis kommt allen konsumenten zugute, weil nämlich der lebensstandard steigt.

Es heisst immer, globalisierung schadet armen arbeitern in entwicklungsländern

Auch das ist ein Irrtum, weil handel bekanntlich kein null-summen spiel ist, sondern alle beteiligten dabei gewinnen können. Schlagender beweis sind die vergleichenden studien aus den 80er jahren zwischen export-orientierten tiger-staaten und anderen, isolationistischen staaten, die eine industriepolitik der import-substitution verfolgt haben (indien, pakistan,lateinamerika, afrika). Der Lebensstandard in südost asien hat sich vervielfacht, in den anderen staaten stagniert er.

Die Idee der isolationistischen import substitution herrschte in kolumbiens regierungskreisen in den 80er jahren - das ergebnis war eine vollkommene verfälschung der preise, ueberhöhte profite und verschwindende produktivität der heimischen industrie durch schutzzölle und bürokratische hindernisse. Handelsbarrieren wie alle bürokratischen eingriffe schaffen immenses korruptionspotential!!!

Es heist immer wieder, dass selbst wenn die wirtschaftsleistung eines entwicklungslandes steigt, so kommt das nicht den armen arbeitern zugute. Ebenfalls unsinn! Die fortschritte der asiatischen laender bei der bekämpfung der armut sind unvergleichlich größer gegenüber den ländern, die am welthandel nicht teilnehmen (afrika). Auf lange sicht ist wachstum ein wesentlich stärkerer einfluss faktor bei der armutsbekämpfung als industrie- oder wirtschaftspolitik.

Statistiken über einkommensungleichgewicht werden oft verfälscht: Beispiel: seit china sich am welthandel beteiligt - 1975 war amerikas pro kopf einkommen 19x chinas, 1995 war der unterschied nur mehr 6x (zum unterschied von afrika von 12x zu 19x). In absoluten ziffern hat sich in so gut wie jedem land die armut verringert, und zwar dort, wo drittweltländer in die weltwirtschaft integriert sind deutlich stärker als anderswo.

Die abneigung der globalisierungsgegner gegen sweatshops, kindesarbeit usw. ist nachvollziehbar, allerdings verwechseln sie ursache und wirkung. Armut ist die ursache dieser zustaende und handelsbarrieren , restriktionen etc. erreichen, dass die armut noch verschlimmert wird. Kindesarbeit in der 3.welt kann nicht durch handelsgesetze der 1.welt abgeschafft werden - sie wird erst verschwinden wenn das entwicklungsland die ressourcen und wirtschaftleistung hat um seine kinder in die schule zu schicken und auszubilden.

Ich habe auf meinen reisen durch suedindien textilfabriken besucht, wo kinder drei wochen arbeiten und dann auf kosten des unternehmens eine woche in die schule gehen. Wie kann man es moralisch vertreten, gegen diese fabriken zu agitieren und damit die kinder auf die strasse zu schicken?

Es zeigt sich, wie zutiefst oberflächlich, kontraproduktiv und unmoralisch viele anti-globalisierungsmassnahmen sind z.B.: Es heisst, "ausbeutung" bedeutet einem arbeiter weniger zu zahlen, als ein äquivalenter arbeiter in der EU bekäme, daher:

  1. man zwingt, höhere gehälter zu zahlen -> unerwünschtes ergebnis siehe oben
  2. man verbietet multi's in drittweltländer zu investieren -> naive hitzkoepfe sind glücklich und die arbeitslosen pakistanis dürfen dafuer auf der strasse stehen
  3. Man legt den multis nahe, freiwillig höhere löhne zu zahlen, aber damit reduziert sich auch die attraktivität des standortes und es werden weniger arbeitsplätze geschaffen als sonst möglich wäre.

Keines dieser ergebnisse bedeutet eine verbesserung des loses von bedürftigen, sondern bestenfalls des gewissens von denjenigen, die sich leisten können sich mit anderen ebenen der bedürfnispyramide auseinander zu setzen.

ausserdem zahlen in der realität multinationale firmen in entwicklungsländern sowieso gegenüber lokalen unternehmen deutlich mehr (im 3.welt durchschnitt ist es der doppelte gehalt). Die lokale bevölkerung steht schlange, um von einem multinationalen firma eingestellt zu werden, gleich ob das in zentralamerika, südamerika oder asien ist.

Ich war häufig in der kolumbischen bananenzone von urraba: Durch das das engagement von united fruits company (USA) hatte diese gegend in kurzer zeit nur mehr ein viertel der landeswieten arbeitslosigkeit. Solange bis handelsrestriktionen der EU zu einer quotenregelung geführt haben, dann war der traum vorbei... - ein triumph fuer die globalisierungsgegner!

Freihandelsfeinde erzählen unentwegt, von der ausbeutung der mexikanischen bevölkerung im grenznahen gebiet mit den USA, wo die ganzen grossen US-fabriken ihre ableger haben. Warum ist dann wohl das lohnniveau dort das höchste von ganz mexico???

Ausländische investitionen (wo möglich direkte investitionen), die arbeitsplätze schaffen, sind für ein entwicklungsland das allerwichtigste mittel, sie helfen nicht nur den direkt beschäftigten sondern indirekt der ganzen bevölkerung indem sie eine zusätzliche steuer einahmenquelle erzeugen.

Es heisst oft, die regierungen verlieren an macht gegenüber den unternehmen, durch den standortwettbewerb können regierungen nicht mehr genug steuern einheben. Bullshit! Wahr ist, dass in allen entwickelten ländern (ausser japan) der staat eine höhere proportion am volkseinkommen einstreift als vor 10 jahren. Zu den handelspolitisch offensten volkswirtschaften der welt gehören schweden und dänemark, beide heben noch immer erfolgreich eine steuerquote von über 50% des BNP ein, ohne das ihre unternehmen oder facharbeiter abwandern würden.

Einiges könnte man auch sagen zum IMF, dem lieblingsfeind der globalisierungsgegner, dessen auflagen in wahrheit aber immer nur die vorangegangene misswirtschaft der lokalen politiker reflektieren. Sein bestreben ist so gut wie immer inflation zu vermeiden bzw. zu reduzieren, und inflation ist ein zustand der bekanntlich niemand so sehr schadet wie den ärmsten teilen einer bevölkerung.

Wenn es tatsächlich einen massiven reformbedarf des welthandels im interesse der entwicklungslaender gibt, dann besteht er in der eliminierung der agrarsubventionen der EU, und der eliminierung der handelsbarrieren auf dem agrar- und dem textilsektor.

Eine öffnung des europäischen und amerikanischen marktes in diesen zwei bereichen würde auf einen schlag hunderttausenden bedürftigen der 3.welt massiv zugute kommen, (was man von den lächerlichen, selbstauferlegten konsumrestriktionen angeblicher 3.welt-freunde ja nicht behaupten kann). Aber da existiert in der entwickelten welt ja schon lange eine unheilige allianz zwischen industriekammern, gewerkschaften, globalisierungsgegnern und dumpf-populistischen parteien a la FP, um das zu verhindern!

Der kampf gegen die handels integration verfehlt ironischerweise vollkommen das intendierte ziel. Die wirtschaft kann sich dank ihrer hohen flexibilität (siehe teil 1 "plädoyer für die freie marktwirtschaft") an alle - auch noch so dummen - regeln anpassen, die kosten werden nicht von ihr getragen sondern von dem heer der arbeitslosen in den entwicklungsländern getragen und an den konsumenten in den industriestaaten weitergereicht. ein fundamentaler irrtum besteht in der nach wie vor existierenden überzeugung (trotz der erfahrung mit dem totalitären staatskapitalismus der sowjetunion), dass tierrechte, internationale sozialstandards oder arbeitsplätze per gesetz dekretiert werden koennen. Solange das wirtschaftliche umfeld es aber nicht erlaubt und der politische konsens nicht existiert ist das unmöglich.

Das intellektuelle problem des globalisierungsprotests besteht in dem blinden, rabiaten antikapitalismus; er versteht nicht, daß dessen heutige europäische ausprägung mit sozialen sicherheitsnetz, öffentlichem sektor, steuerlicher einkommensumverteilung etc. so gut wie nichts mehr mit dem laissez-faire kapitalismus des 19.jh. zu tun hat. Dieses modell erlaubt sehr wohl, dass wachstum allen bevölkerungsschichten zugute kommt. Mit diesem modell könnten tatsächlich die agenden verwirklicht werden, die der bewegung am herzen liegen: umweltschutz, sozialstandards, tierschutz, tierrechte, all diese themen spielen in reichen ländern eine grössere rolle als in armen länder. Durch ihren fehlgeleiteten kampf verhindert die anti-globalisierungbewegung dass die entwicklungsländer aus ihrer armut entwachsen und sich auch mit diesen agenden befassen können.

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