Das Leben der Rinder und Milchkühe | Vegane Gesellschaft Österreich

Das Leben der Rinder und Milchkühe

04.08.2016

Das europäisches Hausrind – zu dieser Gattung werden alle hochgezüchteten „Nutzrinder“ gezählt – wurde aus dem ausgerotteten Auerochsen gezüchtet. Schon der Auerochse war wegen seines Fleisches so begehrt, dass er seit dem 16. Jahrhundert als ausgestorben gilt. Weitere Faktoren für die Ausrottung sind, dass Auerochsen sehr scheue Tiere waren, die durch Menschen, Pferde und die von europäischen Hausrindern beanspruchten Weideflächen in futterärmere Gegenden verdrängt wurden, weshalb eine große Anzahl wahrscheinlich verhungerte.

Foto 1:  Kühherde auf grüner Wiese
Foto 1: Kühe mit Hörnern auf einer Wiese

Das natürliche Verhalten von Rindern

Die natürliche Lebenserwartung von Rindern beträgt 18–25 Jahre. Eine Milchkuh wird jedoch im Schnitt nur 5–6 Jahre alt. Dann wird sie geschlachtet, weil sie nicht mehr genug Milch gibt, um rentabel zu sein. Ein männliches Rind, das für Rindfleisch gemästet wird, wird üblicherweise mit 18–32 Monaten getötet. Die Kälber für Kalbfleisch leben sogar nur 6 Monate, ehe sie im Schlachthof landen.
Eine natürliche Kuhherde besteht aus 20–30 Tieren, hauptsächlich Kühe und Kälber. Alle Tiere kennen sich und können einander identifizieren, was für die Herde sehr wichtig ist. Geschlechtsreife Stiere bilden mit 2 Jahren eigene Junggesellengruppen, ältere Bullen sind Einzelgänger.
Eine Kuhherde ist durch eine sehr stabile Rangordnung gekennzeichnet. Diese ergibt sich durch Gewicht, Größe und Alter sowie Aufenthaltsdauer des einzelnen Rinds in der Herde. Hierarchisch höherstehende Tiere können bei zu wenig Platz oder Nahrung rangniedrigere aufscheuchen oder vertreiben. Ansonsten verrichtet die Kuhherde alle Tätigkeiten synchronisiert. Die Tiere fressen gleichzeitig und liegen zum selben Zeitpunkt.
Physische Auseinandersetzungen sind sehr selten. Die Rangordnung wird mit Gesten aufrechterhalten. Gerade die Hörner sind ein wichtiges Merkmal für den Status in der Herde und dienen der Kommunikation. Rinder vermitteln mit ihren Hörnern zum Beispiel, ob ein anderes Herdentier vorbeigehen darf. Die meisten Rangkämpfe werden innerhalb von Sekunden mit solchen Gesten ausgefochten. Dieses Kommunikationsinstrument, die Hörner, werden aber in der Tierhaltung meistens amputiert. Bei Neuzugängen zur Herde gibt es Auseinandersetzungen nur in den ersten 24–72 Stunden. Dann ist die Rangordnung wieder stabil.
Rinder halten voneinander 0,5 bis 3 Meter Abstand, um die Individualdistanz zu wahren. Diese wird beim Fressen und Schlafen eingehalten. Nur Kälber haben öfter Körperkontakt und liegen näher beieinander. Die tatsächliche Individualdistanz hängt mit der Rangordnung zusammen. Die Kühe kommen sich nur näher, wenn sie sich gegenseitig ablecken, was der Hygiene dient und für das Sozialleben in der Herde sehr wichtig ist.
Jedes Rind hat einen ausgeprägten, individuellen Charakter. Sie haben starke soziale Bindungen und bilden lebenslange Freundschaften. Sie erkennen sich gegenseitig wieder über ihren Geruch. Insbesondere die Mutter-Kind-Bindung ist sehr stark, da sich eine Kuh auch noch um ihr Kalb kümmert, wenn sie mittlerweile schon das nächste geboren hat. Im Gegensatz zu Hunden oder Pferden haben Rinder jedoch eine schlecht ausgeprägte Gesichtsmuskulatur, weshalb sie nur wenig über ihre Gesichtsmimik mitteilen. Nichtsdestotrotz sind sie genauso empfindungsfähig wie Menschen. Kühe trauern über verstorbene Mitglieder ihrer Herde. Umso stärkeren Schmerz empfinden sie, wenn ihnen die jungen Kälber weggenommen werden.
Vor der Geburt eines Kalbs zieht sich die Mutter von der Gruppe zurück. Nach ein paar Tagen stößt sie mit dem Kalb wieder zur Gruppe. Für das Kalb ist es sehr wichtig, die Erstmilch zu trinken, da sich ansonsten das Immunsystem nicht richtig ausbilden kann. In der Rinderhaltung wird aber meist direkt nach der Geburt Milchpulver mit Wasser verfüttert. Nach der Geburt schleckt die Mutter das Kalb zur Reinigung einerseits. Andererseits ist dies sehr förderlich für die Mutter-Kind-Bindung.

Rinder in der Tierhaltung

Das oben Beschriebene wäre das natürliche Herdenverhalten von Rindern. Kaum ein Rind kann diesem in der konventionellen Tierhaltung – geschweige denn in der Massentierhaltung – nachgehen.
Die meisten Milchkühe werden ihr Leben lang in der Anbindehaltung an einen Platz gefesselt. Sie können sich kaum vor und zurück bewegen. Umdrehen ist gar nicht möglich. Auch für Bio-Betriebe gibt es Ausnahmen, die die Anbindehaltung erlauben. Die Kühe müssen pro Tag 50 Liter Milch liefern – die natürliche Milchproduktion würde aber nur 8 Liter betragen. Um Milch zu erzeugen, muss eine Kuh wie jedes andere Säugetier zuerst ein Kind gebären. Deshalb werden die Kühe künstlich befruchtet. Etwa zwei Monate nach der Geburt des Kalbes werden sie erneut besamt. Grund dafür ist, dass nur dadurch die extreme Menge an Milch weiterhin produziert werden kann. Eine Milchkuh ist also fast ihr Leben lang schwanger. Dabei wird das Melken immer nur für ein paar Wochen für die Geburt des nächsten Kalbs unterbrochen. In den allermeisten Fällen wird der Mutter das Kalb gleich nach der Geburt oder spätestens ein paar Tage danach weggenommen. Es ist herzzerreißend, wie beide um einander trauern. Die Mütter und Kälber schreien vor lauter Trennungsschmerz und weinen sogar Tränen!
Nach nur 5–6 Jahren hat die Milchkuh „ausgedient“, weil sie nicht mehr genug Milch gibt. Die Kühe sind zu dieser Zeit ohnehin bereits körperlich ausgelaugt. In Grund dafür ist, dass das Kalzium, das in der Milch vorhanden ist, direkt aus den Knochen der Kühe herausgezogen wird.
Rinder in der Masthaltung, hauptsächlich männliche Tiere, werden seltener in Anbindehaltung, sondern meist in Laufställen mit Spaltböden gehalten. Dass die Rinder in zu großen Gruppen mit zu wenig Platz gehalten werden, wird dabei außer Acht gelassen. Der Mythos von den glücklichen Weiderindern gehört ins Land der Träume verabschiedet. Die wenigsten haben Weidegang oder kommen auf Almen. Das meiste Fleisch wird durch Massentierhaltung erzeugt, wo es keinen Auslauf im Freien gibt.

Foto 2: Rinder in Anbindehaltung
Foto 2: Rinder in Anbindehaltung können sich kaum bewegen.

Um ein gegenseitiges Verletzen der Rinder zu verhindern, werden schon den Kälbern die Hörner amputiert. Diese sind jedoch gut durchblutet und mit Nerven durchzogen. Da der Eingriff meist ohne Betäubung geschieht, erleiden die Tiere starke Schmerzen. Darüber hinaus verlieren sie sehr viel Blut, da bei der Enthornung die Hörner direkt am Ansatz ausgebrannt werden.
Nach einer Zählung der Statistik Austria gab es 2015 zum Zeitpunkt der Bestandsaufnahme in Österreich ca. 1,96 Millionen Mastrinder und -kälber sowie 538.000 Milchkühe. Über den Zeitraum dieses Jahres hinweg wurden über 631.000 Rinder für ihr Fleisch getötet. Zahlenmäßig werden die meisten Rinder in Oberösterreich, Niederösterreich und der Steiermark gehalten.

Das Lebensende

Im Schlachthaus werden die Rinder durch einen sogenannten Bolzenschuss getötet. Dieser zertrümmert den Schädelknochen und soll das Gehirn zerstören, wodurch das Tier sofort tot sein sollte. In der Praxis ist es jedoch in vielen Fällen so, dass die Schüsse nicht richtig gesetzt werden. Die Rinder sind deshalb oft nicht gleich tot. Ein zweiter Bolzenschuss funktioniert auf nicht mehr, das es durch den bereits zertrümmerten Schädelknochen nicht mehr genug Wucht aufgebaut wird, um das Gehirn zu zerstören. Laut Schätzungen sind etwa 7 % der Rinder noch bei vollem oder teilweisem Bewusstsein, wenn sie an den Hinterbeinen aufgehängt und die Halsschlagadern zum Ausbluten durchgeschnitten werden.
Unter den geschlachteten Kühen befinden sich sehr oft schwangere. Wenn die Mutter getötet wird, erstickt das ungeborene Kalb qualvoll im Mutterleib. Beim „Zerlegen“ der Kuh werden teils sogar noch lebende Kälber vorgefunden, die aber dann trotzdem umgebracht werden.

Foto 1: fotolia.com | Soru Epotok
Foto 2: vgt.at - Verein gegen Tierfabriken