Gletscherschwund: Wie unsere Ernährungsgewohnheiten den Planeten gefährden

Gletscherschwund: Wie unsere Ernährungsgewohnheiten den Planeten gefährden

17.03.2016

Während viele über die Hitze des vergangenen Sommers stöhnten, freuten sich Freibäder und Eissalons über gute Geschäfte. Der Sommer 2015 war für Österreich der zweitwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1767. Ganze 2,5 Grad lagen die Temperaturen über dem langjährigen Mittel. Der Jahrhundertsommer hat aber auch den heimischen Gletschern zugesetzt. Eine Verstärkung des aktuellen Trends: Gletscher schmelzen weltweit in Rekordtempo. Dies wiederum bedroht die Trinkwasserversorgung vieler Menschen. Betroffen ist ein Drittel der Weltbevölkerung – so viele sind von Gletscherwasser abhängig.

Bedeutung von Gletschern

Gletscher stellen in vielen Regionen eine sichere Wasserversorgung in der niederschlagsarmen Zeit dar. 69,9 Prozent der weltweiten Süßwasservorkommen sind in Form von Eis und Gletschern gespeichert. Die Gletscher im Himalaya-Gebirge versorgen die sieben größten Flüsse Asiens und damit zwei Milliarden Menschen mit Wasser. Auch in Südamerika beziehen große Städte wie Quito in Ecuador oder La Paz in Bolivien ihr Trinkwasser aus Gletschern. Diese spielen aber nicht nur eine wichtige Rolle für die Trinkwasserversorgung und die Feldbewässerung, sie regulieren auch das Klima, indem ihre weiße Oberfläche Licht und Wärme reflektiert. Außerdem schaffen sie Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen.

Folgen des Gletscherschwunds

Laut einer neuen Studie sind die Eismassen in Zentralasien in den letzten 50 Jahren um ein Viertel geschrumpft. Bis Mitte des Jahrhunderts könnte bereits die Hälfte verschwunden sein. Die Eisdicke von Gletschern verringere sich jährlich um einen halben bis einen ganzen Meter. Erschreckend viel: Das ist nämlich zwei- dreimal mehr als der entsprechende Durchschnitt im 20. Jahrhundert. Hauptursache sind laut Wissenschaftler_innen die steigenden Temperaturen. Die Folgen dauerhaft abschmelzender Gletscher sind dramatisch, denn sie bedrohen neben der direkten Trinkwasserversorung auch die Landwirtschaft. Gleichzeitig können sie den Meeresspiegel signifikant anheben. Einige Forschungsergebnisse lassen bis zum Jahr 2100 einen Meeresspiegelanstieg von einem halben bis zu zwei Meter erwarten. Dadurch wird Land überflutet, ganze Inseln verschwinden, Menschen verlieren ihre Heimat. Tiefe Länder wie die Malediven, Bangladesch oder die Niederlande sind bedroht. Auch Naturkatastrophen können durch schwindende Gletscher entstehen: Mit der steigenden Temperatur nimmt die Anzahl von Stürmen und extremen Wettersituationen zu. Schließlich hat die Gletscherschmelze ein enormes Konfliktpotential. So bestehen beispielsweise in Zentralasien schon jetzt Auseinandersetzungen um die Verteilung von Wasser, da nicht nur das Wasser knapper wird, sondern auch der Bedarf stetig steigt.

Der Einfluss des Menschen

Von 1851 bis 2010 trug der Mensch laut Wissenschaftler_innen ein Viertel zum Rückgang der Gletscher bei. Der menschliche Einfluss steigerte sich im Laufe der Zeit deutlich – bis hin zu einem Anteil von zwei Dritteln während der letzten zwei Jahrzehnte. Alles begann mit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch was sind heute die Hauptursachen für die durch den Menschen verursachte Gletscherschmelze?

Wechselwirkung zwischen Gletschern und Klima

Obwohl Gletscher nur zehn Prozent der Landoberfläche bedecken, ist die Wechselwirkung zwischen Klima und Gletschern so groß, dass die Entwicklung von Gletschern als Hinweis für Klimaveränderungen gilt – auch wenn es hier keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung gibt und der Rückgang einzelner Gletscher auch andere Gründe haben kann. Unter Klimawandel wird die globale Erwärmung der Lufttemperatur, der Erdoberfläche und der Meere aufgrund menschlicher Einflüsse verstanden. Diese steht in engem Zusammenhang mit dem steigenden Ausstoß der so genannten Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid (CO2), Methan und Lachgas. Das Absorbtionsspektrum der Treibhausgase trägt dazu bei, dass bestimmte Strahlungen nicht mehr zum Weltall durchgelassen werden. Wie in einem Treibhaus entlässt die Erdatmosphäre somit weniger Wärme ins Weltall. Verantwortlich sind hierfür unter anderem das Verbrennen fossiler Brennstoffe sowie von Abbauprodukten vorzeitlicher Tiere und Pflanzen und die Entwaldung. Einen ganz besonders großen Anteil hat jedoch die Viehwirtschaft: Laut UNO-Organisation FAO (Landwirtschafts- und Ernährugsorganisation der Vereinten Nationen) ist die „Nutztier“-Haltung weltweit zu 18 Prozent für den Ausstoß von Treibhausgasen verantwortlich. Das ist mehr als der gesamte Verkehrssektor inklusive des Flugzeugverkehrs zum Klimawandel beiträgt. Eine neuere Studie vom World Watch Institute kommt auf noch deutlich höhere Zahlen, da sie mehr Faktoren berücksichtigt. Demnach ist der Konsum von Fleisch, Milch, Fisch und Eiern für mindestens 51 % der weltweiten von Menschen ausgelösten Treibhausgasemissionen verantwortlich!

Das große Fressen

Angesichts dieser alarmierenden Zahlen können inzwischen auch große Natur- und Umweltschutzorganisationen nicht mehr die Augen vor dem Thema Fleischkonsum verschließen. Der WWF nimmt sich dem Thema in seiner 2015 publizierten Studie „Das große Fressen“ an. Er beschäftigt sich darin mit der Frage, wie die heutigen Ernährungsgewohnheiten den Planeten gefährden: Welche Auswirkungen hat der Fleischkonsum auf Ressourcenverbrauch und Treibhausgasemissionen?
Download Abb. 1: Benötigte landwirtschaftliche Nutzfläche für die Erzeugung von Agrarprodukten

Tierfutter beansprucht 70 % der Fläche

Bis zu einem Drittel der natürlichen Ressourcen, die wir weltweit verbrauchen, beanspruchen wir für unsere Ernährung. Allein die Produktion von Tierfutter nimmt fast 70 % der Fläche in Anspruch, die für Ernährungszwecke genutzt wird. Der Herstellung von Tierprodukten geht somit ein hoher Ressourcenverbrauch voraus. Die Umwandlungsrate von pflanzliche in tierliche Kalorien reicht von 1,5:1 bei Geflügel bis hin zu 7:1 bei Rindern. Dies ist auch am Flächenverbrauch für die Erzeugung tierlicher und pflanzlicher Produkten erkennbar: Auf die gesamten pflanzlichen Nahrungsmittel entfallen noch nicht einmal 30 % des Flächenbedarfs.

In Europa nehmen wir große Flächen aus anderen Erdteilen in Anspruch, indem wir Futtermittel importieren. Von den 21.659 Millionen Hektar Land, die Deutschland für den Konsum von Agrarprodukten belegt, liegen nur 16.135 Millionen Hektar im Inland. Soja aus Brasilien und Argentinien fällt bei den Importen besonders ins Gewicht. Auch Österreich führt sehr viel Soja ein: 570.000 Tonnen Sojaschrot und 100.000 Tonnen Sojabohnen werden als Tierfutter verwendet.

Derzeit leben etwa 7,238 Milliarden Menschen auf der Erde, die ca. 1,396 Milliarden Ackerfläche nutzen. Rein rechnerisch steht daher jedem Menschen 1.929 m² zur Verfügung. Für das Jahr 2050 werden 9,6 Milliarden Menschen erwartet. Eine weitere Ausdehnung des Ackerlandes ist aus Sicht des Umwelt- und Naturschutzes nicht erstrebenswert. Müssten die 9,6 Milliarden Menschen vom gegenwärtig verfügbaren Ackerland versorgt werden, beläuft sich der rechnerische Durchschnittswert auf 1.442 m² Ackerfläche Mensch. Derzeit benötigt der durchschnittliche Einwohner in Mitteleuropa jedoch 1.838 m² Ackerfläche. Eine Einschränkung des Verbrauchs und damit verbunden eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten ist somit im Sinne einer fairen Verteilung unumgänglich.

Mehr als ⅔ aller Treibhausgas-Emissionen fallen auf Tierprodukte

Auch beim Treibhausgas-Ausstoß besteht bei Tierprodukten ein großes Einsparungspotential:
Insgesamt lassen sich laut WWF knapp 2.000 Kilogramm der Emissionen pro Person in Deutschland auf die Ernährung zurückführen. Einbezogen ist der gesamte Treibhausgas-Ausstoß entlang der Wertschöpfungskette, von der Düngung über die Lagerung bis hin zur Weiterverarbeitung. Auf Tierprodukte entfallen dabei mehr als zwei Drittel aller Emissionen.

Besonders deutlich wird der Unterschied beim direkten Vergleich der Proteinlieferanten Soja und Fleisch, wie eine Studie des SERI-Institutes zeigt: Selbst konventionelles Sojagranulat aus Brasilien belastet die Umwelt mit 95 Prozent weniger CO2-Emissionen als konventionelles Faschiertes. Bei Verwendung von Biosoja aus Österreich anstatt Faschiertem sind es sogar 98 Prozent weniger CO2.
Download Abb. 3: CO2-Emission von Sojagranulat und Faschiertem im Vergleich
Die Studie des WWF zeigt einmal mehr, dass sowohl Treibhausgas-Emissionen als auch der Flächenfußabdruck, also die pro Person beanspruchte Fläche, mit einer veganen Ernährung deutlich reduziert werden können. Eine Umstellung auf pflanzliche Kost kann nicht nur zu einer faireren Flächen- und Nahrungsmittelverteilung beitragen, sondern hat auch einen wesentlichen Einfluss auf den Klimawandel und damit auf den Gletscherschwund.

Foto: fotolia.com | Frank