Intersektionalität: Diskriminierung kommt selten allein | Vegane Gesellschaft Österreich

Intersektionalität: Diskriminierung kommt selten allein

29.08.2016

Was überhaupt ist Intersektionalität?

Esra* wuchs bei ihren Großeltern in einem ländlichen Gebiet der Türkei auf und sollte nun, mit 22 Jahren, gegen ihren Willen verheiratet werden. Nach einer kräftezehrenden Flucht durch die halbe Türkei blieb als letzter Ausweg nur mehr die Migration in ein anderes Land. So erreichte Esra Österreich, wo sie den Neuaufbau ihres Lebens wagen wollte. Die Umstände hierzulande sind für Esra jedoch voller Hindernisse, da sie mit vielen Formen von Diskriminierung gleichzeitig zurecht kommen muss. Als Frau hat sie mit Sexismus im Alltag und am Arbeitsmarkt zu kämpfen. Obwohl sie in der Türkei verfolgt wird, kann sie darüber hinaus nicht auf Asyl hoffen – Asylbewilligungen berücksichtigen so gut wie nie frauenspezifische Fluchtgründe. Als Migrantin ist Esra mit Benachteiligungen am Wohnungsmarkt und beim Zugang zu staatlichen Leistungen konfrontiert. Als Türkin ist sie zudem täglich rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Und als Kopftuchträgerin bleiben viele Türen von Vornherein für sie verschlossen, während herablassende Blicke wie Bemerkungen aufgrund ihrer sichtbaren religiösen Zugehörigkeit für Esra zum Dauerzustand gehören.

So überschneiden sich die verschiedenen Kategorien Geschlecht, sozio-ökonomischer Status bzw. Klasse, Herkunft und Religion in einem Menschen. Es können noch unzählige Kategorien hinzu kommen, wie die sexuelle Orientierung, das Alter, die körperliche Verfassung oder das Aussehen. Diskriminierungen aufgrund dieser Kategorien treffen die jeweiligen Menschen dann nicht nur häufiger, sondern verstärken sich zusätzlich noch gegenseitig. Beispielsweise begünstigt Rassismus Gewalt gegen Frauen. Das bedeutet, dass z.B. schwarze Frauen eher Gewalt erleben als weiße. Die Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft wird wiederum durch Homophobie verstärkt. Homosexuelle Türk_innen sind in Österreich also noch schlechter gestellt sind als heterosexuelle. Solche Dynamiken werden umso intensiver, je mehr Unterdrückungsformen auf eine Person bzw. Personengruppe zutreffen.

Dieses Zusammenspiel entwickelt für die Betroffenen eine Mehrfachbelastung, die sie – und das ist ein entscheidender Punkt – in besonders hohem Maße von der Teilnahme am gesellschaftlichen Geschehen ausschließt. Während bereits ein Großteil der österreichischen Frauen zahlreichen geschlechtsspezifischen Nachteilen am Arbeitsmarkt begegnet, gestalten die Wechselwirkungen der unterschiedlichen Diskriminierungsformen für Esra die Arbeitssuche zu einem beinahe unmöglichen Unterfangen. Und das ist das Kernthema der Intersektionalität.

Entstehungsgeschichte der Intersektionalität

Kimberlé W. Crenshaw ist US-amerikanische Juristin, Professorin an den rechtswissenschaftlichen Universitäten der UCLA (Kalifornien) sowie Columbia. Sie prägte in den 80ern maßgeblich den Begriff der Intersektionalität. Er stammt aus dem Englischen „intersection“, was soviel wie Schnittmenge, Schnittpunkt und Kreuzung bedeutet. Intersektionalität beschreibt ein Konzept, dessen Gegenstand das Zusammenspiel verschiedener Unterdrückungsformen ist. Crenshaw bezog sich dabei exemplarisch auf ein Gerichtsurteil in den USA der 1970er Jahre: Der Weltkonzern General Motors (GM) wurde nach der Entlassung von fast allen schwarzen Arbeiterinnen vom Vorwurf des Rassismus wie Sexismus befreit. Begründet wurde diese Auffassung damit, dass GM weder die schwarzen Arbeiter noch die weißen Arbeiterinnen entlassen hat und somit keine rassistische oder sexistische Motivation nachweisbar sei.

Auch das Beispiel über GM zeigt auf, dass Menschen, die auf Basis mehrerer Kategorien Diskriminierung erleben, einschneidender von Unterdrückung betroffen und der Willkür gesellschaftlich „Stärkerer“ ausgeliefert sind. Weiters wird deutlich, dass für mehrfach Betroffene weder feministische noch anti-rassistische Bewegungen allein ausreichend Unterstützung bieten können. Das Beispiel zeigt daher auch, dass die vielen politischen Strömungen, die sich meist einem einzigen Thema verschreiben, gefordert sind, enger zusammen zu arbeiten. Intersektionalität dient dabei als eine Art Messgerät, um den verstärkten Missständen angepasst entgegen treten zu können.

Errungenschaften der Intersektionalität

Die Intersektionalitätsforschung hat im Laufe der Zeit zu einem größeren Bewusstsein über die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Benachteiligungsformen geführt. Rassismus, Sexismus, Speziesismus (also die Diskriminierung aufgrund der Artzugehörigkeit), Homophobie, Transphobie, die Ausgrenzung von Älteren oder von Menschen mit Handicaps u.v.m. – all diese Variationen von Unterdrückung teilen sich eine gemeinsame Geschichte und sind miteinander verbunden. Darüber hinaus wirken viele ihrer Mechanismen auf die gleiche Weise. Die Haltung, die allen Diskriminierungen zugrunde liegt, beansprucht die Besserstellung einer auserwählten Gruppe über eine als „anders“ wahrgenommene Gruppe. Die Kategorien mögen sich zwar unterscheiden, ob Männer nun besser gestellt sein sollen als Frauen, Inländer_innen besser als Ausländer_innen, Weiße besser als Schwarze oder Menschen besser als Tiere. Die Grundlogik bleibt aber immer eine mit Herrschaftsanspruch, da sich eine Gruppe X aus dieser Haltung heraus immer das „Recht“ erschafft, eine andere Gruppe Y zu unterdrücken, auszugrenzen, auszubeuten oder sogar zu töten.

Dieses „Recht“ ist ideologisch begründet, basiert also auf dem Glauben an eine übergeordnete und nicht rational begründbare „Wahrheit“: „Männer sind von Natur aus stärker, daher dürfen sie xyz“, oder „Inländer_innen haben eine zivilisiertere Kultur, daher dürfen sie xyz“, oder „Menschen sind intelligentere Lebewesen, daher dürfen sie xyz“. Ihre besondere Tragweite erhielten diese Logiken dadurch, dass sie vom selbst ernannten „Recht“ zum gesamtgesellschaftlichen Alltag wurden. Hier treten sie dann z.B. in akzeptierten Handlungsweisen, Institutionen und Gesetzen auf. Daraus folgt, dass Benachteiligten wie Esra der Zugang zu einer freien und würdigen Existenz systematisch erschwert oder sogar verunmöglicht wird.

Im Ökofeminismus wurde diese zugrunde liegende Logik des Herrschaftsanspruchs auch im Verhältnis von Mensch und Natur erkannt. Unsere selbst-erhöhende Perspektive bedingt dabei das zerstörerische Verhalten, wenn es um den Umgang mit Nutztieren geht oder um den Raubbau am Amazonas, um die Verpestung der Luft oder die Vergiftung des Grundwassers. Hier wird die Natur zugunsten der Menschen benachteiligt, so wie Frauen immer noch zugunsten von Männern benachteiligt werden oder Schwarze zugunsten von Weißen. Durch die Analysen auf dem Gebiet der Intersektionalität wurden diese Parallelen deutlicher. Zum Vorschein trat die Erkenntnis, dass keine Benachteiligungsform für sich alleine überwunden werden kann. Eine Welt, die die Bedürfnisse von Tieren berücksichtigt, nicht aber jene von Frauen wie Esra, ist genauso schwer vorstellbar wie die umgekehrte Variante. Deshalb gibt es immer mehr Initiativen und Projekte, die sich an den Schnittstellen bewegen und verschiedene Themen zugleich behandeln.

Ein paar Beispiele

  • In Kalifornien/USA ermöglicht das Food Empowerment Project (www.foodispower.org) Zugang für sozio-ökonomisch und rassistisch benachteiligte Gemeinschaften zu frischen, veganen Nahrungsmitteln. Dieses Projekt behandelt damit mindestens drei Auswüchse der Logik des Herrschaftsanspruchs in Einem.
  • In Polen haben sich Tierrechtsaktivist_innen gemeinsam mit Bewohner_innen von mehreren Ortschaften in einer erfolgreichen Kampagne gegen die Ansiedlung industrieller Pelzfabriken durchgesetzt (www.otwarteklatki.pl).
  • In Österreich hat der Schulterschluss von NGOs, migrantischen Selbstorganisationen und antirassistischen Aktivist_innen zur Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, Arbeiterkammer und anderen Institutionen geführt, damit UNDOK als „Anlaufstelle zur gewerkschaftlichen Unterstützung undokumentiert Arbeitender“ gegründet werden konnte (www.undok.at). Hier werden Benachteiligte verschiedener Diskriminierungsformen bei der Durchsetzung ihrer Rechte am Arbeitsmarkt unterstützt. Das Potenzial ist aber noch groß. Man denke beispielsweise an die hiesigen Sozialmärkte, die in Kooperation mit Tierrechtsorganisationen und veganen Supermärkten auch hochwertige tierfreie Nahrungsmittel und Infomaterial dazu anbieten könnten. Oder ökologisch orientierte Unternehmen, die nur sozial benachteiligte Migrant_inn_en beschäftigen und in der Kantine veganes Essen anbieten könnten.

Intersektionalität hat den Horizont politischer Bewegungen erweitert. Die intersektionale Betrachtung von gesellschaftlichen Problemen hat sichtbar werden lassen, dass die Herstellung von Gerechtigkeit als fundamentales Prinzip die wichtigste Gemeinsamkeit aller politischen Emanzipationsbestrebungen ist. Damit wurden neue Räume der aktiven Kooperation zwischen den Bewegungen eröffnet, die gemeinsam wiederum mehr Durschlagskraft haben. Schließlich können sie sich so auch diesem Grundsätztlichsten all ihrer Ziele auf umfassendere Weise nähern. Denn Gerechtigkeit bedeutet für die Betroffenen immer und ausnahmslos dasselbe, ob für Tiere, Schwarze oder Frauen (…) – nämlich ein freies und selbstbestimmtes Leben führen zu können.

  • Esra ist eine von der Autorin frei erfundene Person, deren Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht.

Autorin: Elisa Ludwig