Zwischen Horror und Hoffnung - Im Gespräch mit Jo-Anne McArthur

Zwischen Horror und Hoffnung - Im Gespräch mit Jo-Anne McArthur

23.01.2020

Die kanadische Fotojournalistin und Tierrechtsaktivistin Jo-Anne McArthur kämpft mit ihren Werken für einen empathischeren und ausbeutungsfreien Umgang mit Tieren. Ihre weltweit bekannten und vielfach prämierten Fotografien dokumentieren das unermessliche Leid, das Tiere durch Menschen erfahren – etwa in Tierfabriken, Schlachthäusern, Versuchslaboren und Zoos.

Jo-Anne, du beschreibst deine Kamera als Werkzeug für Veränderung. Wie kann das verstanden werden?

Ich hatte schon immer eine Liebe zum Geschichtenerzählen und die Fotografie ist eine natürliche Erweiterung davon. Die Kamera ist ein Werkzeug zum Erkunden, Teilen und Verstehen. Sie spricht schneller als geschriebenes Wort. Sie kann unser Herz bewegen, Mitgefühl und Neugierde wecken – und das im Bruchteil einer Sekunde. Ich liebe an der Fotografie, dass sie für das Gute genutzt werden kann und nicht nur, um ästhetisch ansprechende Bilder zu schaffen. Ich schätze die Kunst um der Kunst willen, aber ich bevorzuge Kunstformen, die für etwas Größeres als sich selbst genutzt werden.

Der Veganismus ist weltweit auf dem Vormarsch. Was ist dein persönlicher Standpunkt zur pflanzlichen Lebensweise?

Ich wurde 2003 Veganerin, als ich mein erstes Praktikum bei Farm Sanctuary in den USA gemacht habe. Ich habe einen Monat mit geretteten Tieren gearbeitet und es gab keinen Weg, dass ich mit gutem Gewissen wieder Vegetarierin hätte werden können. Auf diesem Lebenshof habe ich etwa gelernt, dass „Milchkühe“ enorm leiden und dass die Kalbindustrie eng mit der Milchwirtschaft verwoben ist.

Hast du einen Rat für Personen, die sich für die vegane Lebensweise interessieren, aber Schwierigkeiten haben, den Umstieg zu schaffen?

Früher hat der Veganismus für mich extrem geklungen. Heute weiß ich, dass wir jährlich Milliarden an Tieren unnötigerweise töten. Für mich ist der Veganismus eine Lebensweise im Einklang mit meinen Werten und das fühlt sich großartig an. Ich habe gelernt, dass eine vegane Lebensweise keinen Verzicht bedeutet. Natürlich sehne ich mich nach Burgern und ähnlichen Speisen – dank der Vielfalt an veganen Lebensmitteln kann ich diese auch essen. Ich ermutige Leute, vegan zu leben. Ebenso wichtig ist jeder Schritt in diese Richtung. Tu dein Bestes, um dorthin zu gelangen!

Deine Arbeit hat dich in mehr als 60 Länder geführt und dokumentiert jede mögliche Form der Tierausbeutung. Wie belastend ist deine Arbeit?

Das Negativste an meiner Arbeit ist, dass ich die Millionen von Tieren, die mir begegnet sind, nicht retten kann. Außerdem ist man manchmal völlig schockiert von dem Massenleiden der Tiere und der Ignoranz der Menschen. Wir alle haben eine Verantwortung, anderen zu helfen, doch das wird uns nicht wirklich beigebracht. Geometrie, Naturwissenschaften und Kunst sind wichtig, aber wir sollten in der Schule auch über soziale Verantwortung und die Goldene Regel lernen. Wir sollten lernen, gute Menschen zu sein.

Dein Buch „We Animals“ beinhaltet zahlreiche deiner besten Werke. Worauf achtest du beim Fotografieren?

Ich thematisiere die Mensch-Tier-Beziehung und somit auch die Art, wie wir andere Tiere unterdrücken. Ich zeige nicht nur nicht-menschliche Tiere, sondern auch, unter welchen Beschränkungen sie leben. So zeige ich die Käfige, Drähte, Schlösser – um die Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die wir oft übersehen. Meine Fotos bewegen Leute in unterschiedlichem Maße. Manche reagieren defensiv, viele fühlen sich schuldig. Die einen verändern ihren Konsum an tierischen Produkten, die anderen tun es nicht. Daher ist es für mich so wichtig, ein breites Publikum zu erreichen.

Es fällt alleine oft schwer, die Bilder von leidenden Tieren anzusehen. Wie erlebst du diese Situationen live vor Ort?

Ich bin sehr empathisch und daher sind diese Situationen sehr schwierig für mich. Aber ich muss damit umgehen können und das tue ich. Das habe ich über eine lange Zeit lernen müssen. Ich kann eine Grenze zwischen dem ziehen, was ich sehe und was ich fühle. Meine Gefühle sind bei einem Shooting natürlich präsent, aber deren Erleben ist in diesem Moment sekundär. Es geht um das Sehen und Schaffen von Bildern, die ich in die Welt zurückbringen kann.

Wie verarbeitest du deine Erlebnisse, die du während deiner Arbeit machst?

Es gibt viel, das wir zur Selbstsorge tun können. Ich persönlich arbeite sehr viel – ich sage nicht, dass das die beste Praktik ist, aber für mich ist Handeln Katharsis. Wenn ich mich nicht pushen würde, um eindrucksvolle Bilder zu bekommen, würde ich mich sehr schlecht fühlen. Aber richtige Selbstsorge ist enorm wichtig. Für mich zählt dazu Lesen, Laufen, Zeit mit meinem Hund und Freund_innen zu verbringen, Tee zu genießen und im Garten zu sein.

Hast du einen Rat für Tierrechtsaktivist_innen, die ähnliche Situationen erlebt haben und mit ihnen kämpfen?

Tierrechtsaktivismus ist ein Marathon, kein Sprint! Wir müssen unsere Freude nähren, um auf lange Sicht aktiv bleiben zu können. Tierrechtsarbeit ist hart, zu Fortschritten kommt es oft nur langsam. Wir müssen widerstandsfähig und hartnäckig sein. Ein Sinn für Humor ist wichtig, ebenso gutes Essen und erholsamer Schlaf. Es gibt ein großartiges Buch von Pattrice Jones, das sich „Aftershock“ nennt. Es ist die Bibel für Tierrechtsaktivist_innen, die leiden oder traumatisiert sind.

In einer Welt voller Ausbeutung verlieren viele ihren Glauben an die Menschheit und die Zukunft des Planeten. Ist das bei dir der Fall?

Ja, aber ich habe mich entschieden, mich auf das Gute in der Welt und in Personen zu konzentrieren. Meine Hoffnung liegt dort. Ich bin nicht naiv und weiß, was in dieser Welt vor sich geht. Aber um meinen Verstand und meinen Fokus zu bewahren, setze ich jeden Tag einen Fuß vor den anderen und tue mein Bestes.

Dein Projekt „Unbound“ zeigt Frauen an der Front der Tierrechtsbewegung. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Allzu oft wird der Beitrag, den Frauen in sozialen Bewegungen leisten und geleistet haben, heruntergespielt oder vergessen. „Unbound“ würdigt Frauen, die sich dem Tierschutz und den Tierrechten verschrieben haben, und erzählt ihre Geschichten. Ein großer Teil, warum ich eine Aktivistin geworden bin, ist, dass ich Frauen hatte, zu denen ich aufgeschaut habe. „Unbound“ soll Menschen inspirieren, sich für Tiere einzusetzen und die Welt zu einem gerechteren Ort zu machen.

Vor kurzem hast du „We Animals Media“ geschaffen. Worum handelt es sich dabei?

„We Animals Media“ ist eine kleine, aber mächtige Medienagentur. Der Fokus liegt auf dem Erzählen von Geschichten über Tiere. Hierbei ergeben sich viele Überlappungen mit der Klimakrise, Umweltproblemen, Menschenrechten und Feminismus. Wir wollen mehr tun, weiter gehen, bessere Geschichten, Fotos und Filme produzieren. Wünscht uns Glück!

Jo-Anne, herzlichen Dank für dein großartiges Engagement und deine unvergleichbare Arbeit!

Tipp: Jo-Anne McArthurs Fotografien können kostenlos von Organisationen und Personen verwendet werden, die auf Tierausbeutung aufmerksam machen wollen. Das tausende Fotos umfassende Archiv findet sich unter www.weanimalsarchive.org.