Leistungsfähigkeit und Regeneration bei veganer Ernährung | Vegane Gesellschaft Österreich

Leistungsfähigkeit und Regeneration bei veganer Ernährung

06.07.2016

Dr. Peter Schödl ist Sportarzt, Ernährungs- und Reisemediziner sowie Spezialist für Höhenmedizin. Als Leiter des Medical Center HOCH-FORM in Wien-Liesing betreut er zahlreiche Leistungssportler_innen – darunter zunehmend Veganer_innen. Wir haben uns mit dem begeisterten Sportler über seine Erfahrungen mit vegan lebenden Patient_innen unterhalten und nachgefragt, welche Vorteile er bei einer pflanzlichen Ernährung sieht und was es bei Expeditionen zu beachten gibt.

Herr Dr. Schödl, als Sportarzt betreuen Sie Menschen, die Höchstleistungen erbringen müssen. Seit wann kommen vegane Sportler_innen in Ihre Praxis?

Ich hatte im Rahmen meiner ernährungsmedizinischen Tätigkeit immer schon auch mit Patient_innen und Sportler_innen zu tun, die sich vegetarisch oder vegan ernährten. Die Anzahl der Menschen mit veganer Ernährungsform hat aber sicher im Rahmen der letzten 3 Jahre kontinuierlich zugenommen.

Porträt Dr. Schödl
Dr. Schödl betreut viele Veganer_innen

Haben Sie bei Patient_innen, die erst im Laufe Ihrer Beratungstätigkeit auf vegane Ernährung umstiegen, einen Unterschied in der Leistungsfähigkeit bemerkt?

Die Ernährungsumstellung brachte oftmals eine deutliche Gewichtsreduktion und ein verbessertes Wohlbefinden mit sich, was dann natürlich auch einen äußerst positiven Effekt auf die jeweilige individuelle Leistungsfähigkeit hatte. Sowohl der Alltag wurde besser bewältigt als auch sportliche Erfolge stellten sich schon bald ein. Wenn eine vegane Ernährung „richtig“ durchgeführt wird, dann ist auch die Regenerationsfähigkeit ausgezeichnet.

Was versteht man unter Regeneration?

Regeneration bedeutet „Erholung“. Die Regenerationsfähigkeit beschreibt das Potential des Menschen, sich nach Belastungen – nicht nur physischer, sondern auch psychischer Natur – zu erholen.

Gibt es wissenschaftliche Daten zu Leistungsfähigkeit und Regeneration, die Ihre Beobachtungen bestätigen?

Viele Studien zeigen Daten zu den positiven Effekten der veganen Ernährung. Eine interessante laufende Studie, bei der die Datensammlung bereits abgeschlossen ist, aber die Ergebnisse noch offen sind, ist die NURMI-Studie, benannt nach dem finnischen Läufer Paavo Nurmi. Es handelt sich um eine „Follow-Up“-Studie bei Läufer_innen zur sportlichen Leistungsfähigkeit von Mischköstler_innen im Vergleich zur vegetarischen und veganen Kost. Die positiven Ergebnisse einer Fallstudie zu extremen mehrtägigen Ausdauerbelastungen im Mountainbike-Sport, welche im Jahr 2014 veröffentlicht wurde und eine rein pflanzliche Ernährungstaktik im Ausdauerleistungssport beleuchtet, sind der Grund, warum hier intensiv weitergeforscht wird. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein. (www.nurmi-study.com)

Sie betreuen Sportler_innen der verschiedensten Disziplinen – unter anderem Ausdauer-, Kraft-, Kampfsportler, aber auch Fuß- und Basketballer. Betreffen die Vorteile veganer Ernährung hinsichtlich der Regeneration vor allem Ausdauersport oder gilt dies auch für Kraftsport?

Auch im Kraftsport können mit veganer Ernährung großartige Leistungen vollbracht werden. Wichtig ist hier wie auch bei Sportler_innen anderer Disziplinen, dass unter anderem besonders auf den Eiweißgehalt der Nahrung geachtet wird, um die notwendigen Aminosäuren für den Muskel- und Kraftzuwachs bereitzustellen. Es gibt aber genug hochwertige pflanzliche Proteine wie Hanf- oder Erbseneiweiß, auf die zurückgegriffen werden kann.

Sportmedizinische Untersuchung
Sportmedizinische Untersuchung im Medical Center HOCH-FORM

Welche weiteren Vorteile bringt die vegane Ernährung?

Die vegane Ernährung hilft z. B., das Körpergewicht zu regulieren – das Verhältnis „Kraft-zu-Körpergewicht“ (Power-to-Weight Ratio) wird dadurch günstig beeinflusst und sportliche Leistungen schon allein dadurch verbessert. Der hohe Anteil an wertvollen Mikronährstoffen in einer ausgewogenen veganen Ernährung ist ein weiterer Grund, warum sich Leistungen und die Regenerationsfähigkeit verbessern lassen.

Wie schneiden Veganer_innen bei der Nährstoffaufnahme im Vergleich zur österreichischen Durchschnittskost ab?

Im Vergleich zur Durchschnittskost ist der Anteil an Vitaminen und Mineralstoffen zumeist deutlich höher. Der Anteil an gesättigten Fetten ist viel niedriger, der von Kohlenhydraten oft höher. Hier ist es wichtig, dass vor allem auf komplexe Kohlenhydrate zurückgegriffen wird, was aber bei Menschen, die sich länger dieser Ernährungsform widmen, zumeist der Fall ist.

Gibt es Ihrer Meinung nach auch kritische Punkte, die beachtet werden müssen?

Bei einigen Nahrungsbestandteilen besteht die Gefahr, dass diese eventuell in zu geringer Menge vorkommen, dazu zählen unter anderem Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D, Eisen, Vitamin B12 und Zink. Hier gilt es, dass man sich – vor allem zu Beginn einer veganen Ernährung – eingehend mit Lebensmitteln beschäftigen sollte, damit es zu keinen Mangelerscheinungen kommt.

Auf Ihrer Website schreiben Sie, dass eine gute Eisenversorgung in großen Höhen besonders wichtig ist. Veganer Ernährung wird gelegentlich nachgesagt, dass sie zu Eisenmangel führen könnte. Entspricht das Ihren Erfahrungen?

Eisenmangel kommt in der Tat bei vegan lebenden Patient_innen etwas häufiger vor. Gerade junge Frauen haben von Haus aus einen oft niedrigen Eisenspiegel. Hier muss dann bei veganer Ernährung einfach besonders auf eisenhaltige Lebensmittel geachtet werden. Auch die Art, wie verschiedene Lebensmittel in Interaktion treten und die Eisenaufnahme verbessern oder verschlechtern können, sollte bekannt sein. Eine optimale Versorgung mit Eisen ist für die Leistungsfähigkeit nicht nur in den Bergen, sondern auch im Alltag äußerst wichtig. Müdigkeit, Schlafstörungen, Leistungsabfall, aber auch Haarausfall oder brüchige Nägel können auf eine Unterversorgung mit Eisen hindeuten.

Wie stehen Sie zu veganer Ernährung spezieller Personengruppen, also Kindern, Schwangeren, Stillenden, älteren Menschen?

Das ist ein sehr sensibler Bereich, denn gerade hier besteht ein erhöhter Bedarf an Nähr- und Mineralstoffen sowie Vitaminen. Wichtig ist mir hier eine umfassende Aufklärung und Beratung bezüglich möglicher Mangelerscheinungen und eine regelmäßige Kontrolle diverser Parameter. Dann spricht selten etwas gegen eine ausgewogene vegane Ernährung.

Team HOCH-FORM am Kilimanjaro
Team HOCH-FORM am Kilimanjaro

Welche Verpflegung würden Sie veganen Alpinist_innen für ihre Expeditionen empfehlen?

Hier ist es vor allem wichtig, dass auf Lebensmittel zurückgegriffen wird, die gut vertragen werden, da in der Höhe oft die Verdauung etwas beeinträchtigt ist. Auch der Appetit nimmt etwas ab, somit sollten Speisen verzehrt werden, die den persönlichen Geschmack treffen, damit die Lust am Essen aufrecht bleibt. Vegane Alpinist_innen sollten auf eine ausreichende Kohlenhydratzufuhr achten. Bei den zumeist mehrtägigen bis -wöchigen Touren werden die Kohlenhydratspeicher (Glykogen) im Muskel und der Leber immer weiter entleert und diese müssen regelmäßig wieder aufgefüllt werden, um eine Leistungseinschränkung zu verhindern. Kohlenhydrate sind auch ein notwendiger Faktor bei der Fettverbrennung im Muskel, welche für diese Belastungen aufgrund der niedrigen Intensität (Berggehen) vorherrschen sollte. Und zu guter Letzt ist die Flüssigkeitszufuhr hervorzustreichen. Ein Mangel an Flüssigkeit kann die Höhenakklimatisation deutlich verschlechtern und auch Symptome der Höhenkrankheit begünstigen.

Sie sind auch auf Reisemedizin spezialisiert und haben im Rahmen des Mountainbike-Expeditionsprojekts „Ärzte radeln für Ärzte ohne Grenzen“ von 2006 bis 2008 5 Kontinente mit dem Rad bereist. Was gibt es aus medizinischer Sicht vor/während einer solchen Weltreise zu beachten?

Eine gewisse Grundkondition sollte sicher vorhanden sein (schmunzelt). Danach wächst die Fitness während der Reise fast von ganz allein und der Körper passt sich an die Anforderungen nach und nach an. Neben den notwendigen Impfungen für die jeweiligen Reiseländer ist ansonsten wohl eine große Portion Neugier auf die Welt und die Menschen, die darin leben, der wichtigste Faktor. Ein so großes Projekt geht über den Begriff „Sport“ hinaus – hierbei handelt es sich eher um eine Art „Nomadentum auf 2 Rädern“, das heißt, die tägliche Bewegung ist Teil des Alltags und erlaubt es, so vieles aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen. Wir stehen jedem gerne mit Rat und Tat zur Seite, der sich auf welche Reise auch immer begeben will, und können dabei aufgrund unserer persönlichen Reiseleidenschaft auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen.

Kontakt und weitere Informationen:
www.hoch-form.at