Die zwei Gesichter der Sojabohne – und ihre Erfolgsgeschichte in Österreich

Die zwei Gesichter der Sojabohne – und ihre Erfolgsgeschichte in Österreich

10.08.2020

Heimat in Asien

Die Sojabohne blickt auf eine lange Vergangenheit zurück und zählt zu den ältesten Nutzpflanzen der Welt. Die Wilde Sojabohne (Glycine soja) ist in Ostasien beheimatet und wurde vor etwa 5000 Jahren zur Sojabohne (Glycine max) domestiziert. So verwundert es wenig, dass traditionelle Produkte wie Tofu, Tempeh, Sojamilch und Sojasauce aus dem asiatischen Raum stammen.

Seit 1875 in Österreich

Doch während die Sojabohne in Asien bereits jahrhundertelang genutzt wurde, dauerte es lange, bis sie sich auf den übrigen Kontinenten durchsetzen konnte. Bei der Weltausstellung 1873 in Wien überreichte eine japanische Delegation dem österreichischen Agrarwissenschaftler Friedrich Haberlandt eine Handvoll Sojabohnen. Haberlandt, damals Professor an der Universität für Bodenkultur, erkannte das landwirtschaftliche und ernährungsphysiologische Potenzial der Sojabohne. Mit seinen Anbauversuchen startete er 1875 und legte damit den Grundstein für die heutige Soja-Verwendung. Doch mit seinem frühzeitigen Tod 1878 starb auch vorübergehend das Interesse an der Hülsenfrucht in Europa.

Nach 1945 weltweit enormes Interesse

Der globale Durchbruch der Sojabohne in der westlichen Welt begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Ernte hat sich seit den 1960er Jahren mehr als verzehnfacht – keine andere Nutzpflanze hat ein derart hohes Wachstum verzeichnet. Die flächenreichen Länder Nord- und Südamerikas entwickelten sich schnell zu den bedeutendsten Sojaproduzenten. Heute produzieren alleine die USA, Brasilien und Argentinien 82 % aller Sojabohnen.

Fleischhunger treibt Sojaproduktion in die Höhe

Die Explosion der Sojaproduktion nach 1945 ist auf den rasant wachsenden Fleischkonsum zurückzuführen. Denn der Großteil des Sojas landet in den Mägen von Tieren. So werden weltweit etwa 80 % des Sojas an Tiere verfüttert. Europa produziert vergleichsweise wenig Soja und ist bei Futtermittel von Importen aus Nord- und Südamerika abhängig. Etwa 95 % des Sojaschrots für die Tiermast werden importiert. In Fleisch, Wurst und Co. steckt somit eine Menge importiertes und gentechnisch verändertes Soja – so nehmen die Europäer_innen indirekt beinahe 60 kg Soja pro Jahr zu sich.

Effizienzverluste bei Soja-Futtermitteln

Lebewesen als Lebensmittellieferanten zu verwenden ist nicht nur aus ethischer Sicht abzulehnen, sondern auch aus einer ressourcenorientierten Sicht ineffizient: Bei der Produktion von tierischen Lebensmitteln entstehen sogenannte Veredelungsverluste. Die Futtermittel werden nur zu einem geringen Anteil in tierische Lebensmittel „umgewandelt“. So benötigt man 9 kg Soja für 1 kg Rindfleisch. Der Veredelungsverlust beträgt beinahe 90 %. Effizienter, gesünder und umweltfreundlicher wäre die Produktion von Tofu. Mit derselben Menge Soja könnte man statt 1 Portion Rindfleisch 14 Portionen Tofu herstellen.

Boom der Sojabohne in Österreich

Soja hat sich in Österreich zu einer der bedeutendsten Nutzpflanzen etabliert. Sie wird zu 100 % ohne gentechnisch verändertes Saatgut und zu 35 % nach biologischen Kriterien hergestellt. Kein anderes europäisches Land hat einen so hohen Bio-Anteil bei der Sojaproduktion. In den letzten 20 Jahren hat sich die Anbaufläche vervierfacht und ist auf über 69.000 ha gestiegen. Soja rangiert damit auf Platz 4 – nur Mais, Weizen und Gerste werden noch häufiger angebaut. Zu finden ist Soja vor allem in milden Regionen im Burgenland, in Niederösterreich und Oberösterreich. Jährlich werden über 215.000 t Soja produziert. Österreich ist damit der fünftgrößte Sojaproduzent Europas und wird nur von Italien, Serbien, Frankreich und Rumänien überboten.

Österreichische Soja-Lebensmittel

Zu 50 % wird österreichisches Soja direkt für den menschlichen Konsum verwendet. Ein Blick in das Supermarktregal verdeutlicht, dass Soja-Lebensmittel meist aus Österreich oder anderen europäischen Ländern stammen. Das zeigt sich auch bei den Eigenmarken der Lebensmittelhandelsunternehmen: Rewe (Billa, Merkur, Adeg, Penny) verwendet bei „Ja! Natürlich“ zu 100 % und bei „Vegavita“ zu 90 % österreichisches Soja. Bei Spar wird das gesamte Sortiment an Tofu und Sojamilch aus österreichischem Soja hergestellt. Hofer bezieht die Sojabohnen für seine Tofu- und Sojamilchprodukte der Marke „Zurück zum Ursprung“ aus dem Wiener Becken und der Region um den Neusiedlersee.

 

 

Ernährung für eine nachhaltige Zukunft

Nachhaltiges Soja aus Österreich ist gut für unsere Gesundheit und Umwelt. Der direkte Konsum von Soja – etwa in Form von Tofu und Sojamilch – spart wertvolle Ressourcen, versorgt uns mit hochwertigem Protein und erfreut den Gaumen. Die Ernährung der Zukunft muss zweifelsohne reicher an pflanzlichen Proteinquellen werden – sofern die Umwelt- und Klimaziele ernsthaft angestrebt werden sollen. Die Forcierung der österreichischen Soja-Landwirtschaft ist dabei ein wichtiger Schritt.

Tofu statt Milch – Landwirt gibt Kuhhaltung auf und wird prämiert

Österreichische Sojaprodukte erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Kein Wunder, denn die Produkte überzeugen durch hohe Qualität und Innovativität. Zum Bio-Produkt des Jahres wurde letzten Herbst übrigens der Bohnenkas vom oberösterreichischen Landwirt Gregor Mittermayr ausgezeichnet. Am Mühlviertler Vierkanthof wurde früher noch eine Milchwirtschaft betrieben. Nach der Betriebsübernahme von den Eltern entdeckte Gregor Mittermayr seine Leidenschaft für die Sojabohne. Die Kühe sind den Sojabohnen gewichen. Mit großer Leidenschaft werden heute drei Sorten Bohnenkas, wie der Tofu kreativ genannt wird, hergestellt. Wir gratulieren zur Auszeichnung zum „Bio-Produkt des Jahres“ – ein großartiges Zeichen für die Umwelt und Tiere.

Soja aus einer Nachhaltigkeitsperspektive

Die Sojabohne ist ein wertvolles Lebensmittel: Sie besticht durch einen hohen Proteingehalt und ist reich an Ballaststoffen, ungesättigten Fettsäuren, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen. Soja überzeugt auch aus ökologischer Perspektive: Als Leguminose kann sie Stickstoff aus der Luft verwerten und benötigt deswegen keinen oder wenig Dünger. Außerdem kann sie zur Humusbildung und Bodenfruchtbarkeit beitragen und ist ideal für die Fruchtfolge.

Die ökologischen Vorteile werden oft durch unnachhaltige Landwirtschaftspraktiken vernichtet: Wertvolle Ökosysteme, wie der Amazonas-Regenwald und die Cerrado-Savanne in Südamerika, werden abgeholzt oderbrandgerodet, um Flächen für den Sojaanbau und die Tierhaltung zu schaffen. Außerdem ist seit 1996 gentechnikverändertes Soja-Saatgut zugelassen, das einen Einsatz von Glyphosat zur Unkrautbekämpfung ermöglicht– mit verheerenden ökologischen und gesundheitlichen Konsequenzen. Der Monokulturanbau von Soja unter hohem Pestizideinsatz untergräbt das nachhaltige Potenzial der Sojabohne.

Ob die einzelne Sojabohne nachhaltig ist, hängt also von zahlreichen Faktoren ab, wie Landwirtschaftspraxis (biologisch, konventionell ohne/mit Monokulturanbau), Ackerentstehung (ohne/mit Waldrodungen), Ort von Anbau und Verwendung (regional, global) und Art der Verwendung (Lebensmittel, Futtermittel). Kurz: Tofu aus österreichischen, biologischen Sojabohnen ist ein überaus nachhaltiges Lebensmittel. Fleisch von getöteten Tieren, die südamerikanisches, gentechnisch verändertes Soja gegessen haben, das auf brandgerodeten Böden in Monokulturen angebaut wurde, kann nicht als nachhaltig bezeichnet werden.