Hebammen-Interview – Teil 1: Vegan durch Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit | Vegane Gesellschaft Österreich

Hebammen-Interview – Teil 1: Vegan durch Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit

05.11.2019

Die vegane Hebamme Valeria Bisaccia aus Wien gibt Tipps für eine vegane und umweltfreundliche Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit. Sie erzählt von ihren Erfahrungen und ihrer Ausbildung zur Ernährungswissenschaftlerin und Hebamme. Teil 1 beschäftigt sich mit Tipps und Tricks für die Mutter, in Teil 2 dreht sich alles um den Nachwuchs.

Wieso bist du Hebamme geworden?

Ich bin ein sehr sensibler Mensch und habe bemerkt, dass viele Absolventen und Absolventinnen des Ernährungswissenschaften-Studiums dann in der Lebensmittelindustrie arbeiten und, dass die Job-Chancen in anderen Bereichen nicht besonders gut sind. Dann habe ich ehrlich gesagt ein bisschen Panik bekommen in einem Bereich zu landen, der mich überhaupt nicht erfüllt. Deshalb habe mich auf die Suche nach einem Beruf gemacht, bei dem ich mein Einfühlsamkeitsvermögen einsetzen kann. In dieser Zeit habe ich mich sehr für Gesundheit interessiert und habe dann den Beruf der Hebamme für mich entdeckt.

Wie ist dein persönlicher Werdegang zur veganen Lebensweise?

Mein Umstieg auf die vegane Ernährung kam sehr schleichend. Seit meiner Jugend war ich Vegetarierin. Damit habe ich damals rein aus Tierschutzgründen begonnen und habe noch nicht über die Themen Gesundheit oder Klimaschutz nachgedacht. Erst als ich 2012 begonnen habe Ernährungswissenschaften zu studieren, habe ich langsam den Wechsel zur veganen Lebensweise gemacht, auch wenn der gesundheitliche Aspekt der veganen Ernährung in meinem Studium nicht thematisiert wurde.

Wie sieht dein Alltag als vegane, umweltbewusste Hebamme aus?

Ich hatte zuerst den Plan Teilzeit im Krankenhaus zu arbeiten und Teilzeit freiberuflich, aber nach kurzer Zeit habe ich mich entschlossen, dass ich nicht im Krankenhaus sein will, weil mir dort die Menschlichkeit gefehlt hat. Es war keine Zeit individuell auf die Menschen einzugehen. Jetzt arbeite ich ganz freiberuflich. Ich habe gedacht, dass es anfangs sehr schwierig sein wird Kundinnen zu finden, aber ich bekomme vor allem über Facebook sehr viele Nachrichten von veganen Schwangeren und Müttern aus Österreich und Deutschland. Besonders auch in Deutschland scheint ein großer Bedarf an kompetenter Beratung zu bestehen. Zum Beispiel schreiben mir einige Frauen, dass sie sich nicht trauen vegane Beikost einzuführen, weil die Unterstützung fehlt und sie oft kritisiert werden.

Betreust du hauptsächlich vegane Frauen oder sind deine Kundinnen durchgemischt?

Ernährungsberatungen mache ich ausschließlich für vegan lebende Menschen, weil ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren könnte, eine andere Ernährung zu empfehlen. Ich würde auch Frauen im Wochenbett oder in der Schwangerschaft betreuen, die nicht vegan leben. Ich denke aber, dass mein Kundinnenkreis letztendlich eher aus Veganerinnen besteht.

Kennst du vegane Hebammen? Die Hebamme Veronika Rom-Erhart aus Tirol lebt etwa auch vegan. Kennst du welche, die auch Ernährungsberatungen anbieten?

Nein, leider keine, die auch Ernährungsberatungen anbietet. Ich habe nur eine Einzige aus Deutschland via Social Media kennengelernt. In Österreich kenne ich eine, die ihr Studium schon abgeschlossen hat, aber noch nicht als Hebamme arbeitet. Es ist sehr schwierig vegane medizinische Betreuung zu finden, besonders in diesem Bereich.

Stößt du häufig auf Kritik von Kolleg_innen, Ärzt_innen oder Kundinnen?

In meinem 3-jährigen Bachelorstudium bin ich sehr oft auf Kritik gestoßen. Irgendwann war es mir dann einfach viel zu viel und es war mir dann schon unangenehm zu erwähnen, dass ich Veganerin bin. Der Stress im Krankenhaus ist oft ohnehin schon sehr strapazierend und ich wollte zusätzliche Konflikte und Diskussionen vermeiden. Bei Kundinnen stoße ich aber zum Glück nicht auf Kritik, da vor allem vegane Frauen auf mich zukommen.

Worauf muss man als Veganerin bei einer Geburt im Krankenhaus achten?

Es gibt leider nicht so viele Möglichkeiten im Krankenhaus eine vegane Versorgung zu erhalten. Was man aber machen kann, ist vor allem eigenes Essen mitbringen. Man bekommt im Kreißsaal zwar schon richtige Mahlzeiten, aber eine vegane Verpflegung ist nur schwer erhältlich. Was man bekommt ist natürlich auch abhängig von der Uhrzeit, zu der man ins Krankenhaus kommt. Denn wenn man in der Nacht kommt, muss man sich oft mit etwas Weißbrot zufrieden geben. Dabei ist es besonders wichtig sich während und nach der Geburt richtig zu ernähren. Der Körper macht in dieser Zeit eine riesige Umstellung durch und wenn dann noch dazu kommt, dass die Ernährung nicht passt, ist das natürlich eine zusätzliche Belastung für den Körper.

Welche Tipps hast du für Veganerinnen im Krankenhaus?

Ich würde empfehlen in der Zeit vor der Geburt zum Beispiel Energieriegel selbst zuzubereiten oder Studentenfutter mitzubringen. Außerdem könnte man etwas vorkochen, einfrieren und dann auftauen und ins Krankenhaus mitbringen. Eine ballaststoffreiche, gesunde Ernährung ist besonders deshalb so wichtig, weil viele Frauen, unabhängig von ihrer Ernährung, nach der Geburt an Verstopfung und Hämorrhoiden leiden. Außerdem bieten Hebammen in Krankenhäusern gerne Entspannungsbäder an. Oft fragen sie die Frauen dann, ob sie einen speziellen entspannenden Duft, wie Rose oder Lavendel, im Wasser haben wollen und dann wird gemeinsam mit dem Duft Milch ins Wasser gegeben, damit er sich emulgiert. Man kann dann einfach die Hebamme darauf hinweisen, dass man keine Milch ins Wasser haben möchte. Diese Entspannungsmethode beruht auf dem Prinzip der Aromatherapie und funktioniert auch ohne Milch.

Was kannst du zur Prävention von Dehnungsstreifen empfehlen?

Wenn Dehnungsstreifen einmal da sind, bekommt man sie leider nicht mehr weg. Ich würde empfehlen die Haut geschmeidig zu halten und in einem schönen Ritual die Haut mit einem guten Öl oder einer Creme zu massieren. Gekaufte Cremes sind im Allgemeinen nicht besonders umweltfreundlich. Letztendlich kann man einfach irgendein Öl verwenden. Ob das Mandelöl oder Jojobaöl ist, ist dabei nicht ausschlaggebend. Diese kann man in einer Glasflasche kaufen oder zum Beispiel in der Kosmetikmacherei in Wien individuell Öle mit Düften zusammenmischen. Meiner Meinung nach sind Dehnungsstreifen aber eigentlich ein ganz tolles Symbol, auf das man stolz sein darf.

Gibt es Alternativen zu Einwegbinden nach der Geburt?

Einwegbinden aus Plastik sind nicht gut für den Körper, da das Material keine Luft durchlässt. Diese werden auch nur selten von Hebammen empfohlen, sondern eher die luftdurchlässigen ohne Plastik und aus Baumwolle. Wiederverwendbare aus Baumwolle, wie zum Beispiel die von Erdbeerwoche, sind sehr umweltfreundlich und vor allem, wenn die Blutung nach einigen Tagen schwächer wird, eine gute Lösung. Man könnte aber zum Beispiel, wenn man nur im Bett liegt, ein Handtuch zwischen die Beine legen und das dann problemlos reinigen. Der Wochenfluss, also die Blutung nach der Geburt, ist nicht infektiös, man kann das Blut am besten, wenn es noch frisch ist, mit kaltem Wasser auswaschen und dann später in die Waschmaschine geben. Man kann auch Mullwindeln verwenden, denn die braucht man für das Kind dann ohnehin.

Muss man bei Stilleinlagen etwas beachten?

Es gibt, wie bei allem, natürlich die wenig ökologischen Einwegprodukte. Von Hebammen werden oft wiederverwendbare Produkte empfohlen, die aus Seide oder Wolle produziert werden. Das finde ich persönlich schade, denn Baumwoll-Produkte funktionieren genauso gut und sind fast in jeder Drogerie erhältlich. Man muss auch keine riesige Packung vor der Geburt kaufen, denn bei manchen Frauen läuft die Milch gar nicht so stark und man kann mit wenigen Stilleinlagen auskommen. Ich würde empfehlen eher bis nach der Geburt zu warten und dann gegebenenfalls noch welche nachkaufen.

Bei der Geburt und im Wochenbett hört man immer wieder von sogenannten „Kraftsuppen“, die meist mit Hühnerfleisch zubereitet werden. Gibt es auch eine vegane Alternative dazu?

Kraftsuppen nach Traditionell Chinesischer Medizin (TCM) werden ganz oft schon im Geburtsvorbereitungskurs empfohlen, weil sie aufbauend und blutbildend ist. Fleisch ist nach TCM tatsächlich sehr wärmend und blutbildend, aber man kann die Rezepte auch problemlos ohne Fleisch zubereiten. Stattdessen kann man andere wärmende und blutbildende Lebensmittel, wie zum Beispiel Rote Beete, Linsen und Datteln verwenden.

Welche Pflegeprodukte kannst du bei Irritationen der Brustwarzen empfehlen?

Zuerst muss man herausfinden, warum die Brustwarzen wund sind. Denn das hat meistens einen Grund. Pflegeprodukte zu verwenden, ohne den Grund zu kennen, hat keinen Sinn. Von Hebammen wird oft Lanolinsalbe empfohlen, welche aus Wollwachs hergestellt wird. Dass diese wirklich so gut funktioniert, ist in keiner Studie bewiesen worden. Tatsächlich zeigen Studien, dass die eigene Muttermilch drauf zu lassen genauso gut hilft. Wenn die Brustwarze so wund ist, dass der BH daran scheuert, würde ich einen sogenannten Wiener Donut empfehlen, damit die Brustwarze nicht aufliegt. Wenn man aber tatsächlich das Gefühl hat, man möchte eine Fettschicht auf der Brustwarze haben, gibt es natürlich auch vegane Alternativen. Letztendlich geht es nur ums Fett. Man kann also zum Beispiel auch eine Ringelblumensalbe verwenden. Am wichtigsten ist es die Brüste an die Luft zu lassen, um Irritationen zu vermeiden.

Welche Behandlung kannst du bei Milchstau empfehlen?

Bei einem Milchstau sollte man seine Hebamme rufen. Meist hilft es die Brust zu entleeren, indem man das Baby viel trinken lässt und die Milch ausmassiert. Außerdem sollte man sich viel Ruhe gönnen. Oftmals werden Topfenwickel empfohlen, die tatsächlich auch zu helfen scheinen. Ich finde es vor allem absurd, dass den Eltern schon vor der Geburt empfohlen wird Topfen zu kaufen. Sie haben dann oft, nur für den Fall, mehrere Packungen Topfen im Kühlschrank. Diese Einstellung finde ich nicht gut, denn wenn man so etwas schon erwartet, wird es vielleicht auch passieren. Die Topfenauflage ist außerdem auch eine große Patzerei, die Zeit und Mühe kostet. Denn währenddessen kann man sich nicht wirklich bewegen und es fängt natürlich bei Wärme auch an zu stinken. Die vegane Alternative dazu sind Weißkohlblätter, die wie Topfen desinfizierend und kühlend wirken. Am besten ist eine Kombination aus einem wärmenden Kartoffelwickel vor dem Stillen und kalten Weißkohlblättern nach dem Stillen.

Kannst du uns vielleicht noch einen Tipp bezüglich Medikamenten vor, während und nach Geburt geben?

Ich habe mich mit einigen Herstellern in Verbindung gesetzt. Gynipral, ein Medikament für die akute Wehenhemmung, enthält zum Beispiel keine tierischen Inhaltsstoffe. Das Vitamin K–Präparat wiederrum, das in Österreich routinemäßig gegeben wird, ist nicht vegan. Die Vitamin-K-Gabe wird in Österreich aber zur Blutungsprophylaxe bei Babys empfohlen. Über diese routinemäßige Gabe wird viel diskutiert. Bei Fragen sollte man sich an den Kinderarzt oder die Kinderärztin wenden. Ich denke, gerade bei Medikamenten, die man zuhause vor und nach der Geburt einnimmt, kann man sich natürlich für Produkte ohne tierische Inhaltsstoffe entscheiden. Bei Vitamin D kann man zum Beispiel darauf achten, ein veganes Präparat zu nehmen, man muss dabei dann nur auf die Dosierung achten. Statt Oleovit, das meist verschrieben wird, kann man als vegane Alternative zum Beispiel Vitashine verwenden.

Hier geht es zu Teil 2 des Interviews zum Thema vegane und nachhaltige Säuglingspflege.

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