Hebammen-Interview – Teil 2: Vegan durch die Säuglingspflege | Vegane Gesellschaft Österreich

Hebammen-Interview – Teil 2: Vegan durch die Säuglingspflege

07.11.2019

Die vegane Hebamme Valeria Bisaccia aus Wien gibt Tipps für vegane und umweltbewusste Familien. Als Ernährungswissenschaftlerin steht sie Schwangeren, Stillenden und Familien auch mit ihrer Ernährungsexpertise zur Seite. In Teil 1 des Interviews erzählt sie vor allem über Schwangerschaft und Geburt. Teil 2 dreht sich um den Nachwuchs.

In der Wickelzeit wird sehr viel Abfall erzeugt. Gibt es Alternativen zu herkömmlichen Einwegwindeln?

Eine Tonne Müll fällt im Durchschnitt pro Kind in der Wickelzeit an. Ich habe mir das mal ausgerechnet. In Österreich werden jährlich ungefähr 86 Tausend Kinder geboren und im Schnitt braucht ein Kind 5.000 Windeln. Das macht 430 Millionen Windeln für die Kinder, die in diesem Jahr geboren werden, allein in Österreich. Windeln brauchen 500 Jahre, um abgebaut zu werden, wenn sie überhaupt jemals abgebaut werden. Es gibt aber Alternativen zu den Plastikwindeln. Einerseits gibt es Einwegwindeln, die zum Beispiel aus Maisstärke hergestellt werden, und andererseits Mehrwegwindeln und die windelfreie Methode.

Was steckt hinter ökologischen Einwegwindeln?

Die ökologischen Einwegwindeln sind nicht immer zu 100 % abbaubar, weil viele von ihnen nur außen ein natürliches Material haben und drinnen ein Granulat, das Plastik enthält. Man muss sich also wirklich mit den Produkten befassen. Vegane Windeln, die zu 100 % aus Naturmaterialien bestehen, sind zum Beispiel die „Eco by Naty“. Meiner Meinung nach sind die ökologischeren Einwegwindeln aber ohnehin nicht die nachhaltigste Lösung, da die Herstellung und der Transport natürlich auch bei der plastikfreien Variante anfallen.

Lohnt es sich Mehrwegwindeln zu verwenden?

Mehrwegwindeln aus Stoff sind weitaus nachhaltiger und „Windelfrei“ ist natürlich am ressourcenschonendsten. Stoffwindeln werden sogar von der Stadt Wien unterstützt und bei den Eltern-Kind-Zentren der Stadt Wien kann man sich gemeinsam mit der Tasche, die man sich dort abholen kann, einen Windelgutschein holen, der bei der Anschaffung von einem Stoffwindel-Starterpaket eine finanzielle Unterstützung darstellt. Das Tolle an Stoffwindeln ist natürlich, dass man viel weniger Müll produziert. Man kann aber auch viel Geld sparen. Ein Starterpaket kostet zwischen 250 und 300 Euro. Bei Einwegwindeln muss man in der ganzen Windelzeit mit 2.000 Euro rechnen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Haut des Kindes besser belüftet wird. Dadurch kommt es viel seltener zu Hautreizungen im Windelbereich.

Wie funktioniert „Windelfrei“?

„Windelfrei“ ist meiner Meinung nach etwas ganz Tolles. Wenn man bedenkt, dass die meisten Tiere niemals in ihr eigenes Nest machen würden - bei Babys ist das genauso. Sie liegen nicht gern in ihren Exkrementen. Die beste Zeit damit zu beginnen ist in den ersten drei Monaten. Dabei beobachtet man beim Kind genau welche Signale es macht, wenn es aufs Klo muss. Erkennt man das Signal, dann hält man das Kind über ein Waschbecken oder Töpfchen. Am besten macht man selbst jedes Mal dasselbe Signal, wie zum Beispiel Schnipsen oder ein bestimmtes Wort. So lernt das Kind, dass es in dem Moment loslassen kann. Man kann zum Beispiel auch zuhause mit dem Kind „Windelfrei“ trainieren und unterwegs ökologische Windeln verwenden. Das ist natürlich auch toll für das Kind, weil es dann ernstgenommen wird. Das fördert die Selbstkompetenz.

Welche Pflegeprodukte wie Hautcremes, Badezusätze und Babypuder würdest du für Säuglinge empfehlen? Was braucht man überhaupt?

Generell kaufen Eltern meistens viel zu viel – man braucht eigentlich nur sehr wenig. Puder wird inzwischen nicht mehr empfohlen, weil es aus feinen Partikeln besteht, die auch in die Atemwege gehen. Was man zuhause haben sollte, ist eine Wundschutzcreme. Dabei sollte man aber beachten, dass kein Zink drin ist, weil dies sehr stark austrocknend wirkt und erst bei starken Rötungen oder Verdacht auf Pilzinfektionen verwendet werden sollte. Außerdem muss man natürlich auch aufpassen, dass man ein veganes Produkt kauft. Es gibt in der Drogerie mehr als genug vegane Wundschutzcremes in Naturkosmetik-Qualität, zum Beispiel mit Ringelblume. Außerdem sollte man ein kleines Fläschchen Speiseöl zuhause haben. Nicht unbedingt als Hautpflege, aber vor allem um den Po des Babys zu reinigen, da der Stuhl gerade am Anfang oft nicht so gut mit Wasser weggeht. Die Haut von Kindern ist noch viel empfindlicher als die von Erwachsenen und sie absorbiert alles was sie berührt. Wenn die Haut wirklich sehr trocken ist, kann man ins Badewasser ein paar Tropfen Öl geben, aber sonst sollte man so weit wie möglich auf Babypflegeprodukte verzichten. In den meisten Fällen hilft Muttermilch am besten. Muttermilch im Badewasser pflegt zum Beispiel die Haut sehr gut. Zum Reinigen würde ich Waschlappen empfehlen. Feuchttücher produzieren nicht nur sehr viel Müll und sind teuer, sie sind auch voll mit Chemikalien und Erdöl, was das Baby natürlich absorbiert. Man sollte auf kindliche Haut nur Cremes und ähnliches geben, die man auch essen würde. Es reicht beim Wickeln das Kind unter den Wasserhahn zu halten oder mit einem Waschlappen zu reinigen.

Gibt es für nicht-stillende Frauen die Möglichkeit ihr Kind vegan zu ernähren?

Ja. Natürlich ist Muttermilch das Beste für das Kind. Das Stillen kann am Anfang wirklich schwierig sein, auch wenn oft suggeriert wird, dass das ganz einfach sei. Eigentlich ist das ein Prozess, der vom Kind und auch von der Mutter gelernt werden muss. Da wir in unserer Gesellschaft wenig Kontakt mit Babys haben und die Familien oft nur mehr sehr klein sind, sehen wir nur mehr selten stillende Frauen, was den Stillprozess sehr schwierig macht. Eigentlich ist es aber so, dass fast jede Frau stillen kann. Wenn eine Frau stillen möchte, sollte sie zuerst mit einer Hebamme oder einer Stillberaterin sprechen. Kann die Frau wirklich nicht stillen oder will sie es aus irgendeinem Grund nicht, muss über das gesamte erste Lebensjahr eine vegane Ersatznahrung gegeben werden. Es gibt auch sogenannte „Muttermilchbanken”, wie zum Beispiel die Frauenmilchspendestelle in Wien. Das ist eine ganz tolle Einrichtung, die aber prinzipiell eher Frühchen versorgt, bei denen die Mütter noch nicht genügend Muttermilch haben. Es kann also nicht gewährleistet werden, dass dann noch ausreichend Milch für Frauen übrig ist, die ein reifes Kind zuhause haben. Und weil ich das so toll finde, möchte ich in diesem Zusammenhang erwähnen, dass man, wenn man zu viel Muttermilch produziert, dort Milch abgeben und so anderen Müttern helfen kann.

In Kinderwägen und auch Kinderbetten sieht man sehr oft Lammfell. Wie stehst du dazu? Gibt es vegane Alternativen?

Lammfell wird tatsächlich immer noch empfohlen, weil es atmungsaktiv ist und „natürlich“ und schön fürs Baby sein soll. Ich persönlich finde es aber makaber sein Baby auf ein totes Baby zu legen. Es gibt mehr als genug Alternativen. Man kann zum Beispiel Hanf oder Baumwolle verwenden. Noch dazu wird davon abgeraten Kinder allein zu lassen, wenn sie auf dem Lammfell liegen, weil sie sich drehen könnten und es die Atemwege blockieren kann. Im Kinderwagen kann man zum Beispiel einfach ein Baumwollkissen oder flache Baumwolldecken verwenden und das Kind– nach dem Zwiebelprinzip – wärmer anziehen. Eigentlich ist es aber sowieso am besten für das Kind es bei sich zu tragen, dann braucht man auch gar nicht so viel wärmenden Stoff.

Kannst du Tipps für nachhaltige Baby- und Kinderbekleidung geben?

Für neue Eltern ist es oft schwierig einzuschätzen, was sie für ihr Baby brauchen werden und kaufen dann meistens viel zu viel. Deshalb ist meiner Meinung nach die erste Regel nicht zu viel zu kaufen. Ganz toll ist es natürlich, wenn die Eltern gebrauchte Kleidung kaufen. Meist gibt es im Bekanntenkreis jemanden, der Babykleidung hat. Auch auf Willhaben kann man zum Teil ganze Babypakete gratis abholen. Und in Wien gibt es zahlreiche Second-Hand-Läden, die Babykleidung verkaufen. Wenn Eltern Freude daran haben, ein neues Kleidungsstück zu kaufen, dann ist das natürlich auch legitim. Dann sollten sie auf vegane Fairtrade-Kleidungsstücke achten. Neue Babykleidung ist problematisch für die Haut des Kindes, weil mit einem Waschgang nicht alle Chemikalien aus der Kleidung rausgewaschen werden und die Babyhaut diese förmlich aufsaugt. Deshalb sollte man neue Kleidung immer mindestens zwei Mal waschen.

Umweltfreundliche Babyfläschchen: Gibt es Alternativen zu den handelsüblichen Plastik-Babyfläschchen?

Ja, es gibt Glasflaschen und Naturkautschuksauger. Fläschchen können in manchen Situationen praktisch sein, zum Beispiel wenn jemand anderes das Baby füttert und natürlich auch für nicht-stillende Frauen. Aber ansonsten sind Fläschchen überflüssig, denn wenn man den Kindern mit ungefähr acht Monaten Wasser anbietet, kann man dafür einen Becher verwenden. Das Trinken aus einem normalen Becher fördert die motorischen Fähigkeiten. Im Prinzip können Kinder genau dasselbe Geschirr verwenden wie Erwachsene, aber natürlich muss man vorsichtig sein und sollte das Kind damit niemals alleine lassen. Wenn man nur vorrübergehend nicht stillt oder nicht vollstillt, gibt es bessere Methoden als das Fläschchen. Das Fläschchen könnte in diesem Fall nämlich zu einer Saugverwirrung führen. Auch hier wird ein Becher oder ein Löffel empfohlen, um die Ersatznahrung zu füttern. Wenn man abgestillt hat und eine Alternative zum Saugen an der Brust braucht, dann würde ich eine Glasflasche empfehlen und mit einer Hebamme über die verschiedenen Sauger sprechen. Da gibt es nämlich große Unterschiede und manche sind nicht gut für die Kiefermuskulatur.

Hier geht es zu Teil 1 des Interviews zum Thema vegane und nachhaltige Tipps und Tricks für werdende und frische Mütter.

Website von Valeria Bisaccia | 5-10 Prozent Rabatt mit der VCard