Mit veganen Rezepten gegen chronische Erkrankungen: Dr. Hannes Graf im Interview | Vegane Gesellschaft Österreich

Mit veganen Rezepten gegen chronische Erkrankungen: Dr. Hannes Graf im Interview

01.04.2020

Der vegan lebende Allgemeinmediziner Dr. Hannes Graf sieht pflanzliche Vollwertkost als eine wichtige Maßnahme zur Prävention und Behandlung verschiedenster chronischer Erkrankungen. In seiner Ordination im 15. Wiener Gemeindebezirk motiviert er seine Patient_innen zu einer Umstellung auf vegane Ernährung – mit großem Erfolg! Um die Anfangshürden zu reduzieren, bietet er seit kurzem gratis Rezepte auf seiner neuen Website in3wochen.at an.

Hallo Hannes! Du bist praktischer Arzt und hast kürzlich eine Website mit unkomplizierten, aber schmackhaften veganen Rezepten veröffentlicht. Seit wann lebst du vegan und was waren deine wichtigsten Gründe für den Umstieg?

Ich ernähre mich nun seit zwei Jahren vegan. Begonnen hat der Weg dahin schon 2012. Damals kam mir der Satz „Tiere gehören anständig behandelt“ über die Lippen – eine Selbstverständlichkeit, der jede Österreicherin und jeder Österreicher zustimmen wird. Aber dadurch, dass ich es laut ausgesprochen habe, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich mir etwas vormache. Ich habe dann den Fleischkonsum auf einmal wöchentlich reduziert und anschließend ein paar Jahre vegetarisch gelebt. Vegan zu werden war der nächste logische Schritt. Von dem gesundheitsfördernden Potential wusste ich damals noch nichts.

Du empfiehlst pflanzliche, fettarme Vollwertkost. Was genau verstehst du darunter?

Möglichst unverarbeitete Lebensmittel: Vollkorn, Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst, Nüsse und Samen. Keine Öle und selbstverständlich keine tierischen Produkte. Im Prinzip all das, was die amerikanischen Ärzte Caldwell Esselstyn, Dean Ornish, Neal Barnard, John McDougall, Joel Fuhrmann, Michael Klaper oder Michael Greger auch empfehlen. Es war für mich zu Beginn unvorstellbar, ohne Öl zu kochen. Dann bin ich draufgekommen, dass Öl in einer beschichteten Pfanne so sinnlos ist wie eine Thujenhecke vor einem Holzzaun.

Schon bevor du die Website online gestellt hast, hast du deinen Patient_innen zu pflanzlicher Vollwertkost geraten und Rezepte gratis zur Verfügung gestellt. Wie reagieren sie auf deine Empfehlungen? Gibt es Vorurteile oder Hemmungen, diese umzusetzen?

Als Hausarzt habe ich das Glück, dass ich die meisten meiner Patient_innen schon lange kenne und sie mir vertrauen. Ich sage immer, dass ich jede und jeden genauso lieb habe – egal ob er oder sie mein Angebot annimmt oder nicht. Ich möchte nur, dass alle darüber informiert sind, dass man die eigene Gesundheit größtenteils selber in der Hand hat. Bei jedem Bissen.

Wie sehen die Resultate bei den Patient_innen aus?

Die, die sich drüber trauen, sind begeistert. Auch darüber, dass das Essen schmeckt und man nicht hungern muss. Ich kann die Freude miterleben, wenn sich Gewicht, Cholesterin, Diabetes und Bluthochdruck verbessern. Teilweise bis zur kompletten Medikamentenfreiheit. Das ist zwar finanziell für mich ein Nachteil, weil eine Person mit chronischer Krankheit ja regelmäßig Rezepte holen muss. Doch die Befriedigung, jemanden heilen zu können, wiegt das mehr als auf. Deshalb bin ich ja auch Arzt geworden.

Bei welchen Erkrankungen rätst du ganz gezielt zu pflanzlicher Vollwertkost?

Dazu rate ich jeder Person. Dadurch senkt man nämlich das Risiko überhaupt erst krank zu werden. Bei Patient_innen mit Herzerkrankungen bin ich aber besonders hartnäckig – meist mit Erfolg.

Deine Rezeptseite nennt sich „in3wochen“ und so empfiehlst du auch zunächst eine Ernährungsumstellung für drei Wochen. Ist das der Zeitraum, nach dem sich erste Erfolge erkennen lassen?

Das geht sogar noch schneller. Drei Wochen sind aber ein überschaubarer Zeitraum, das nimmt den Druck raus. Sobald die Patient_innen merken, um wie viel besser es ihnen geht, wird das Ganze ohnehin zum Selbstläufer. Man möchte gar nicht mehr zurück.

Empfiehlst du eine vegane Ernährung auch für Kinder?

Unbedingt. Ich bin ja selbst zweifacher Papa. Das Buch „Becoming vegan (express edition)“ von Brenda Davis und Vesanto Melina ist diesbezüglich sehr empfehlenswert und räumt Unsicherheiten aus dem Weg. Die regelmäßige Einnahme von Vitamin B12 versteht sich hoffentlich von selbst. Aber auch meine Eltern, 71 und 80 Jahre, leben seit anderthalb Jahren pflanzlich vollwertig und wirken als ob sie in einen Jungbrunnen gefallen wären. Das freut mich natürlich besonders.

Unter Mediziner_innen gibt es immer noch viele Vorurteile hinsichtlich veganer Ernährung. Hast du mit solchen in deinem medizinischen Umfeld zu kämpfen?

Ja, klar. Der Wissenstand meiner Kolleg_innen bzgl. veganer Ernährung entspricht meist dem der Durchschnittsbevölkerung. Von Dr. Dean Ornish oder Dr. Caldwell Esselstyn haben nur wenige gehört. Eigentlich ein Wahnsinn.

Zum Abschluss: Was ist dein persönliches Lieblingsessen?

Da gibt es so viele geniale Sachen! Ich liebe Porridge zum Frühstück, die feschen Laberln, das Fisolengulasch. Da bekomme ich gleich wieder Appetit.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin alles Gute sowie viel Erfolg für deine Patient_innen mit der pflanzlichen Vollwertkost!