Veggie made in Europe? EU-Aktionsplan für pflanzliche Lebensmittel

Veggie made in Europe? EU-Aktionsplan für pflanzliche Lebensmittel

30.11.2025

Europa soll vegan werden? Ganz so weit geht die aktuelle Initiative für einen EU-Aktionsplan für pflanzliche Ernährung nicht. Richtig ambitioniert ist das Vorhaben trotzdem.

von Christine Leidner, Policy Officer bei der EVU

Person, die Sojabohnen herausschöpft und durch die Finger rieseln lässt

Dänemark als Vorbild

Mit seinem 2023 veröffentlichten pflanzlichen Aktionsplan zeigt Dänemark, wie sinnvoll und erfolgreich eine kohärente Strategie zur Unterstützung pflanzlicher Lebensmittelketten sein kann: Pflanzliche Lebensmittel werden auf allen Stufen vermehrt gefördert und so zugänglicher für alle. Die nationale Begeisterung für den Plan ist so groß, dass die Bewerbungen für Projekte und Subventionen das vorgesehene Budget (immerhin 168 Millionen Euro von 2023 bis 2030) bereits übertreffen und dieses demnächst erhöht wird. Bemerkenswert: Mehrere Landwirtschaftsvertretungen entwarfen den Aktionsplan mit und setzen sich aktiv für seine erfolgreiche Umsetzung ein. Das Erfolgsrezept der Dän:innen: alle konstruktiv einbinden und Konsens finden.

Die European Vegetarian Union (EVU) ist ein Dachverband von 48 veganen und vegetarischen Organisationen aus 29 Ländern. Sie vertritt die wachsende Zahl europäischer Verbraucher:innen, die sich zunehmend pflanzlich ernähren, in Brüssel. Auch die Vegane Gesellschaft Österreich ist Mitglied und stellt mit Felix Hnat den Präsidenten der EVU. Neben ihrer leitenden Rolle bei der Initiative für einen pflanzlichen EU-Aktionsplan ist die EVU rund um die Themen Verkaufsbezeichnungen (Veggie-Burger-Verbot) und Reform der EU-Agrarpolitik besonders aktiv.
euroveg.eu

Pflanzlicher Aktionsplan – Edition Europa?

Wenn Dänemark das kann, warum dann nicht die Europäische Union? Von Juni bis Dezember 2025 liegt die Präsidentschaft des Rats bei Dänemark, was bedeutet, dass die dänische Regierung die EU-Agenda mitgestaltet und alle Verhandlungen zu europäischen Gesetzestexten leitet. Gute Neuigkeiten: Dänemark setzt sich in dieser Rolle konsequent für einen pflanzlichen EU-Aktionsplan ein. Die Idee hinter der Initiative ist, das dänische Beispiel auf die EU-Ebene zu übertragen. Zeitlich abgestimmt läuft parallel eine breite, zivilgesellschaftliche Mobilisation. Im Januar 2025 unterschrieben über 130 Organisationen aus ganz Europa einen diesbezüglichen Aufruf, gefolgt von einem gemeinsam ausgearbeiteten Planentwurf im Juni 2025. Wie unterstützt man die europaweite Entwicklung und Stärkung pflanzlicher Lebensmittelketten erfolgreich? Die Ausgangslage: Der Trend zu vermehrt pflanzlicher Ernährung ist weit verbreitet, in vielen Ländern ist aber noch Luft nach oben. Der Fleisch- und Milchkonsum, aktuell noch weit über Gesundheits- und Nachhaltigkeitsempfehlungen, sinkt konsequent. Der Landwirtschaft und vor allem der Tierhaltung fehlt es an Perspektiven und die EU tut sich langsam schwer, für den Überschuss an tierischen Produkten neue Absatzmärkte zu finden.

Konsum steigt, Produktion hinkt nach

Umfragen zeigen, dass es seitens der Konsument:innen viel Potenzial gibt: 27 % der Europäer:innen erkennen die Bedeutung pflanzlicher Ernährung, zögern jedoch noch – auch aufgrund von Vorurteilen, dass eine Umstellung ihrer Ernährung Mehrkosten verursachen würde. Ganze 19 % versuchen bereits oder planen zumindest, sich vermehrt pflanzenbasiert zu ernähren. All diesen Menschen muss es die Politik einfacher machen: durch gute vegane und vegetarische Optionen in der Gemeinschaftsverpflegung, smarte Steuerpolitik, Ernährungsbildung von klein auf und vieles mehr. Die Versorgungsbilanzen der meisten EU-Länder – auch von Österreich – zeigen, dass die hiesige Produktion der stetig wachsenden Nachfrage nach pflanzlichen Lebensmitteln nicht nachkommt und teils viel importiert werden muss. Das ist sowohl für das Klima als auch für die lokalen Erzeuger:innen ein Verlust, von Lebensmittelautarkie ganz zu schweigen. Gebraucht werden Maßnahmen, die die hiesige Produktion ankurbeln und die Markttrends zu mehr pflanzlicher Ernährung nachhaltig unterstützen. Besonders vielversprechend ist die anstehende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik. Mit einem Budget von über 300 Milliarden Euro für die Jahre 2028 bis 2034 könnte der Ausbau der pflanzlichen Produktion massiv ausgebaut werden. Mit gut durchdachten Unterstützungsprogrammen und Investitionshilfen sollten Landwirt:innen aus ganz Europa dabei unterstützt werden, ihren Hof um- oder auch nur breiter und damit krisensicherer aufzustellen.

Selbstversorgungsgrad in Prozent: Fleisch 108 %, Milch 182 %, Eier 90 %, Getreide 96 % Hülsenfrüchte 78 %, Gemüse 55 %, Früchte 33 %, Pilze 16 %, Nüsse 10 %

Alle Lichter auf Grün?

Offiziell kann nur die Europäische Kommission einen Aktionsplan vorschlagen. Da braucht es jedoch noch ein wenig Überzeugungsarbeit: Der aktuelle EU-Agrarkommissar Christophe Hansen (EVP) wurde bei seinem Amtsantritt gefragt, ob er einen pflanzlichen EU-Aktionsplan unterstützen würde. Daraufhin verkündete er, dass er niemandem vorschreiben würde, was auf den Teller kommt. Die Idee hinter dem Aktionsplanvorhaben besteht jedoch nicht darin, den Europäer:innen gewisse Lebensmittel aufzuzwingen und andere zu verbieten. Der Grundgedanke ist stattdessen, dass pflanzliche Produkte (am besten gesund und nachhaltig) für alle Konsument:innen zugänglicher gemacht werden sollen. Für die Landwirtschaft gilt: Wer am Ergreifen neuer Geschäftsmöglichkeiten im pflanzlichen Sektor Interesse hat und dadurch nebenbei noch etwas für Klima, Umwelt und Tierwohl leistet, soll einen Anspruch auf finanzielle und technische Unterstützung bekommen. Ganz so düster sieht es seitens der EU-Kommission zum Glück nicht mehr aus: Seit dem Amtsantritt im November 2024 kam es wiederholt auch zu pragmatischen Aussagen bezüglich der Notwendigkeit einer vermehrt pflanzlichen Ernährung. Ein konkreter Aktionsplan ist jedoch leider (noch) nicht am Horizont.

Ein Aktionsplan für Österreich

Aber warum gibt es eigentlich keinen österreichischen Aktionsplan? Die Frage ist berechtigt, denn Österreich braucht nicht auf die EU zu warten! Dänemarks Beispiel inspiriert gerade Initiativen für nationale Pläne in mehreren europäischen Ländern. Auch in Österreich fasst die Idee langsam Fuß. Die Voraussetzungen für einen boomenden Veggie-Markt sind da: Österreich ist in puncto Konsum von pflanzlichen Lebensmitteln eines der führenden EU-Länder (sogar weit vor Dänemark), Tendenz weiterhin steigend. Jetzt muss die lokale Landwirtschaft unterstützt werden, um auch von dem Trend zu profitieren. Zum Glück gibt es bereits viele motivierte Landwirt:innen, die für das Erkunden neuer Einkommensquellen offen sind, und gut etablierte Projekte wie „Soja aus Österreich“.

Interesse, an der Initiative für einen österreichischen Aktionsplan mitzuwirken? Dann melden Sie sich gerne bei der Veganen Gesellschaft Österreich!

christine leidner

Christine Leidner ist Juristin aus Luxemburg und war Büroleiterin im Europäischen Parlament. Seit 2025 bringt sie ihre politische Erfahrung bei der EVU ein. Als Policy Managerin arbeitet sie Strategien aus, vernetzt europaweit Organisationen und unterstützt Mitglieder bei ihrer politischen Arbeit, um pflanzenbasierte Ernährung stärker in der europäischen Politik zu verankern.

Dieser Artikel ist in unserer VEGAN.AT-Ausgabe 44 erschienen.