11 Milliarden

11 Milliarden

25.03.2016

Die weltweiten Folgen unserer Gier nach Fleisch

Derzeit leben über sieben Milliarden Menschen auf der Erde und es werden täglich mehr. Leider genießt nur ein geringer Teil der Weltbevölkerung den Wohlstand, wie wir ihn kennen. Auf den drei reichsten Kontinenten Europa, Nordamerika und Australien leben insgesamt bloß eine Milliarde Menschen. Eine ähnlich hohe Zahl an Menschen weltweit lebt jedoch in absoluter Armut. Diese ungleiche Verteilung des Wohlstandes zeigt sich nicht nur in den materiellen Besitztümern und sozialer Absicherung, sondern auch bei der Ernährung. Menschen in westlichen Wohlstandsgesellschaften nehmen im Schnitt wesentlich mehr Kalorien zu sich als Menschen in sogenannten Entwicklungsländern. Während in Europa, Amerika, Australien und Teilen Asiens der Konsum von Fleisch, Milchprodukten und Eiern kontinuierlich zunimmt, ernähren sich Menschen in ärmeren Ländern überwiegend pflanzlich. Über 20.000 Menschen des globalen Südens sterben jeden Tag an Hunger.

Westliche Ernährung

Der Konsum von Fleisch hat in den westlichen Industrienationen seit dem Ende des 2. Weltkrieges mehr als verdreifacht. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit haben Gesellschaften soviel Fleisch und tierische Produkte konsumiert wie heute. Früher war es nur Reichen und Wohlhabenden möglich, Fleisch häufig am Speiseplan zu haben. Für die ärmeren Teile der Bevölkerung hingegen war Fleischkonsum eine Ausnahme und wurde meist nur zu Festlichkeiten sowie an Sonn- und Feiertagen zubereitet. Der Konsum von Fleisch war somit auch ein Statussymbol, ein Ausdruck der Macht der Eliten.
 
Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwunges wurde Fleisch auch für ärmere Menschen erschwinglich. Heute ist die ständige Verfügbarkeit von tierischen Lebensmitteln ein Ausdruck unseres westlichen Wohlstandes. Bei dieser sogenannten „Western Diet“ ist es nicht unüblich, 1 bis 3 mal täglich Fleisch zu essen. Dieser Ausdruck von Wohlstand durch Fleischkonsum zeigt sich auch in den sich verändernden Essgewohnheiten in wichtigen Schwellenländern. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung Chinas, Indiens und Brasiliens wächst die Nachfrage nach Fleisch von Jahr zu Jahr, denn immer mehr Menschen streben nach dem westlichen Lebensmodell.

Vom Bauernhof zur Tierfabrik

Doch wo kommt all dieses Fleisch die Milch und die Eier her, die hunderte Millionen von Menschen in reichen Industrienationen täglich unhinterfragt konsumieren?
 
Die Werbung malt uns gern ein idyllisches Bild des ländlichen bäuerlichen Lebens, wo Mensch und Tier in harmonischem Einklang mit der Natur leben. Diese Vorstellung von saftigen Wiesen und glücklichen Kühen hat sich tief in unserem Bewusstsein verankert. Leider entspricht dieses Bild der traditionellen Landwirtschaft zumeist nicht der Realität. Wachsende Konkurrenz sowie billige Importe zwingen die Produzenten zu immer mehr Effizienz, zumeist auf Kosten von Tieren und Verbrauchern. Mit wenigen Ausnahmen kommen heutzutage Schweine, Rinder und Hühner aus Massentierhaltung, wo mithilfe modernster Technologie und der Verwendung von Kraftfutter wie Mais und Soja Fleisch als Massenware herstellt wird. Nur so ist es möglich, dass zum Beispiel in Dänemark heute mehr Schweine leben als Menschen.

Genug für Alle

Tiere wandeln pflanzliche Nährstoffe in tierische um. Dieser Prozess ist jedoch höchst ineffizient. Diese sogenannten Veredelungsverluste betragen im Falle von Fleisch durchschnittlich 1:11, bei Milch und Eiern sind die Verluste etwas geringer. Somit führt Fleischkonsum letztlich zu einer Verschwendung von Kalorien, welche man direkt für die Ernährung von Menschen einsetzen könnte. 40 bis 50 Prozent der globalen Maisernte und 80 Prozent der Sojaernte werden heutzutage an Tiere verfüttert. Insgesamt wird somit ein Drittel der weltweiten Anbaufläche für Tiernahrung verwendet.
 
Diese Praxis führt zu einer direkten Benachteiligung der armen Bevölkerung in sogenannten Entwicklungsländern auf Kosten der Fleischproduzenten des Nordens. Von den auf der Erde lebenden 7 Milliarden Menschen hungern geschätzte 800 Millionen. Hunger stellt weltweit das größte Gesundheitsrisiko dar, welches jährlich mehr Menschen das Leben kostet als Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen.  
 
Würde man all die auf der Erde produzierte pflanzliche Nahrung den Menschen direkt zur Verfügung stellen, könnte man damit insgesamt 11 Milliarden Menschen ernähren. Das sind fast um die Hälfte mehr Menschen als derzeit auf der Erde leben. Man müsste dafür auch keinen Hektar mehr Anbaufläche verwenden, als ohnehin bereits bebaut wird. Die Erde bietet uns ausreichend Nahrung und Ressourcen, um alle Menschen ausreichend und ausgewogen zu ernähren. Es ist einzig die ungerechte Verteilung, die für Hunger auf der einen Seite und Überfluss auf der anderen Seite verantwortlich ist.
 

Schlimmer als Verkehr

Übermäßiger Fleischkonsum hat außerdem dramatische Folgen für das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten. Dieser verschwenderische Umgang mit Ressourcen ist nicht nur mitverantwortlich für Hunger und Unterernährung, sondern stellt auch eine riesige Belastung für das Klima dar.  Fleischkonsum führt zu Luftverschmutzung, verursacht immensen Wasserverbrauch und gefährdet den Artenreichtum der Tier- und Pflanzenwelt in einem Ausmaß, das von vielen Menschen noch völlig unterschätzt wird.
 
Der Klimawandel wird vor allem durch den Ausstoß von Treibhausgasen bewirkt. Das bekannteste Treibhausgas ist Kohlendioxid, CO2. Die meisten Menschen denken dabei wohl zuerst an Verkehr und Industrie, welche Energie vor Allem durch die Verbrennung fossiler Kraftstoffe beziehen. Es gibt jedoch auch andere Treibhausgase, die in ihrer Wirkung auf das Klima einen noch stärkeren Effekt haben als CO2. Schweine und Rinder produzieren durch ihre Verdauung Methan und Stickoxid, zwei höchstwirksame Treibhausgase. Die industrialisierte Massentierhaltung ist der weltweit größte Produzent von Methan und Stickoxid. Die Auswirkungen der Tierindustrie auf das globale Klima sind somit gewaltig. Der Beitrag der Fleischproduktion zur Erderwärmung entspricht in Summe zumindest jenem des globalen Verkehrs mit dem gesamten Flugverkehr eingerechnet.
 

Was für eine Verschwendung

Fleischproduktion erfordert auch enorme Mengen an Wasser. Einerseits wird viel Wasser verbraucht, um die Futtermittel für die Tiere zu produzieren, andererseits benötigt die Fleischindustrie große Mengen an Wasser für die industrialisierte Tierzucht. So benötigt eine Kuh in Summe ungefähr 600 Liter Wasser am Tag, umgerechnet fast vier Vollbäder. Der Anbau von Kraftfutter, oftmals mithilfe künstlicher Bewässerung, begünstigt den chronischen Wassermangel in vielen Ländern des Südens und fördert dadurch Erosion und Wüstenbildung.
 
In den Industriestaaten führt die Massentierhaltung wiederum zu einer Verschmutzung des Grundwassers durch Unmengen von tierischen Fäkalien. Die Entsorgung dieser teils giftigen Abfallprodukte gelingt oft nicht in einem ökologisch vertretbaren Ausmaß. Die Folgen sind häufig ein vergiftetes Grundwasser, verschmutzte Flüsse und eine Belastung der Atemluft, die zu chronischen Erkrankungen führen kann.
 
Die riesigen Mengen Kraftfutter, welche für die industrialisierte Tierzucht benötigt werden, stammen in der Regel nicht aus nachhaltiger Landwirtschaft. In Lateinamerika wird für den Sojaanbau tropischer Regenwald gerodet und dabei die Lebensgrundlage vieler Menschen zerstört. Der Einsatz von Pestiziden und künstlichen Düngemitteln belastet die lokalen Ökosysteme noch zusätzlich.
 
Doch auch die Meere bleiben von unserer Gier nach Fleisch nicht unverschont. Die Industrienationen betreiben eine rücksichtslose Ausbeutung der Weltmeere und haben dabei viele Fischarten fast ausgerottet. Mittels radargesteuerter Hi-Tech-Flotten werden die Meere leergefischt, ohne Rücksicht auf ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit. Die moderne Fischerei gefährdet somit die Artenvielfalt der Meereslebewesen sowie die ökologische Stabilität der Weltmeere.
 

Macht der Konzerne

Wer profitiert eigentlich am meisten von der industrialisierten Massentierhaltung?
 
Dies sind einerseits die Konsumenten in den reichen Industriestaaten, welche nun tierische Produkte zu noch niedrigeren Preisen kaufen können, andererseits mächtige internationale Konzerne, welche an der Massentierhaltung gleich mehrfach verdienen.
 
Die meisten Anbaugebiete von Tierfuttermittel werden von wenigen internationalen Unternehmen bewirtschaftet, welche keinerlei Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung nehmen. Landraub, illegale Rodungs- und Anbaumethoden sowie Missachtung von Umweltauflagen und Arbeitsbedingungen gehören dabei zum Alltag. Andernorts werden Bauern gezwungen, ihre Ernte an mächtige internationale Konzerne zu verkaufen, anstatt sie auf lokalen Märkten anzubieten. Kurzfristig mögen die damit erzielbaren Einkommen zwar höher sein, langfristig wird jedoch die Fähigkeit der landwirtschaftlichen Eigenversorgung geschwächt und die Abhängigkeit von transnationalen Konzernen gesteigert.  
 
Konzerne verdienen aber auch noch ganz anders an industrialisierter Massentierhaltung. Tierfabriken sind häufig auf präventiven Einsatz von Antibiotika angewiesen. Die Tiere würden sonst unter den katastrophalen Bedingungen, unter denen sie gehalten werden, einfach zugrunde gehen. In den USA werden 80 Prozent der im Land hergestellten Antibiotika an Tiere verfüttert. Dies begünstigt die Entwicklung von resistenten Keimen, die eine weitere Gefahr für die gesamte Weltbevölkerung darstellen. Pharmakonzerne sichern sich dadurch jedoch Umsätze in Milliardenhöhe. Fleisch- und Pharmalobbys in den USA und Europa sind derart mächtig, dass sie Gesetzgebung und Verwaltung beeinflussen können. Sie erkämpfen sich dadurch Steuervorteile, gelockerte Umweltauflagen und Mitsprache bei wichtigen politischen Entscheidungen.

Zivilisationskrankheiten

Die Fleischmast westlicher Gesellschaften, ein Mangel an Obst und Gemüse sowie ein chronischer Kalorienüberschuss begünstigen Übergewicht und Fettleibigkeit. Unausgewogene Ernährung mit einem viel zu hohen Anteil tierischer Produkte ist laut vielen Mediziner_Innen und Ernährungsexpert_Innen mitverantwortlich für die stetige Zunahme an Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs und verschiedenen Autoimmunerkrankungen. Eine ausgewogene Diät reich an frischen pflanzlichen Nährstoffen gilt allgemein als beste Prävention von ernährungsbedingten Erkrankungen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt außerdem vegetarische und vegane Ernährung als einzig wirklich nachhaltige Diät für unseren Planeten. Umso weniger tierische Produkte insgesamt konsumiert werden, umso besser für die Gesundheit der Konsument_Innen, die Nahrungsmittelsituation in Entwicklungsländern und das ökologische Gleichgewicht des gesamten Planeten.

Individuelle Verantwortung

Tierische Ernährung ist verantwortlich für eine Vielzahl von katastrophalen Entwicklungen von globalem Ausmaß. Sie ist der Motor für ein System von Verschwendung, Ausbeutung und Gewalt. Jede Verringerung des Fleischkonsums hat Auswirkung auf die Ernährungssituation von Menschen in Entwicklungsländern und verringert signifikant die Belastung der Atmosphäre mit Treibhausgasen.
 
Letztendlich ist es die Entscheidung eines jeden Einzelnen von uns. Durch unser Essverhalten können wir ganz bewusst Rücksicht auf das Wohl unserer Mitmenschen und unseres Planeten nehmen und dabei helfen, ein Stück mehr Gleichgewicht auf der Welt wiederherzustellen. Jeder Einkauf im Supermarkt, jeder Besuch eines Restaurants, letztlich jedes Mal wenn wir unseren Hunger stillen, haben wir die Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten. Für das Wohl des Planeten und die Gesundheit der Weltbevölkerung kann man die Bedeutung der Ernährung gar nicht hoch genug einschätzen.