"Schmeckt wie Huhn?" - Eine Einführung in Clean Meat

"Schmeckt wie Huhn?" - Eine Einführung in Clean Meat

01.01.2019

Von Jens Tuider und David Pedersen (ProVeg International)

1931 erklärte Winston Churchill: "In 50 Jahren werden wir der Absurdität entkommen, ein ganzes Huhn zu züchten, um dessen Brust oder dessen Flügel zu essen, indem wir diese Teile separat unter einem geeigneten Medium züchten." Churchills Vorhersage traf zwar erst 36 Jahre später ein, seine Beschreibung des Prozesses war jedoch beeindruckend genau. 2013 servierte Professor Mark Post den weltweit ersten Burger, der aus den Zellen einer Kuh gezüchtet wurde. Im März 2017 offerierte die Firma Memphis Meats die weltweit ersten Hähnchenbruststreifen, die aus Hühnerzellen kultiviert wurden.

Zelluläre Landwirtschaft

"Clean Meat" oder "Cultured Meat" bezeichnet Fleisch, welches direkt aus tierischen Zellen herangewachsen ist. Clean Meat ist nur ein Teil der sogenannten "Zellulären Landwirtschaft", zu der auch die Herstellung anderer traditioneller tierischer Produkte wie Leder und Milch gehört. Zellen werden hierfür zu Ressourcen für entsprechende Produkte.

Zur Herstellung dieser Zellen werden den Tieren Stammzellen entnommen und diese in ein nährstoffreiches Medium in einem Bioreaktor gegeben, der dann das Wachstum der Stammzellen so stimuliert, dass diese zu Muskelzellen und damit zu Fleisch heranwachsen. Stammzellen können durch eine Gewebeentnahme (Biopsie) von einem lebenden Tier entnommen werden und zu Tonnen von Fleisch heranwachsen. Dieses Verfahren wird die Anzahl der Tiere, die zur Ernährung des Menschen gehalten werden, um einiges reduzieren - und somit auch das Ausmaß des Leidens. Forscher_innen arbeiten an der Entwicklung von Stammzelllinien, die sich auf unbestimmte Zeit vermehren können, wodurch die Notwendigkeit der Probenahme an Tieren entfallen könnte. Andere Forscher_innen versuchen alternative Wege zur Gewinnung der Stammzellen zu finden. Ein Beispiel hierfür ist die Gewinnung dieser Zellen aus Federn, die die Hühner verlieren. Die meisten Pionier-Forschungsarbeiten in diesem Gebiet nutzen als Nährmedium für die Zellen das Serum von Rinderföten. Dieses fördert nachweislich sehr gut das Wachstum der Zellen, ist jedoch teuer. Mittlerweile gibt es Unternehmen, die vielversprechende, kostengünstige pflanzliche Alternativen entwickeln.

Für viele mag es unappetitlich klingen, dass das Essen auf unseren Tellern von jemandem in einem Laborkittel erschaffen wurde. Tatsächlich ist dieser Prozess aber dem Prozess der Bierherstellung sehr ähnlich und die Experten prognostizieren, dass auch zukünftige Produktionsanlagen in vielerlei Hinsicht Brauereien ähneln werden. Letztendlich handelt es sich hierbei nur um einen weiteren Fall der Modernisierung und Verbesserung der Erzeugung von Produkten für den menschlichen Gebrauch. Clean-Meat-Produkte dürften sich insgesamt positiv auf die menschliche Gesundheit auswirken, da die standardisierte Produktion von Fleisch das Risiko der Kontaminierung minimiert und die Erzeugnisse somit gesünder wären als konventionelles Fleisch.

Rund ein Dutzend Start-ups weltweit

Weltweit gibt es mittlerweile rund ein Dutzend Start-ups in der zellulären Landwirtschaft, die von der Produktion von Hühner- und Rindfleischprodukten (Mosa-Meat, Memphis-Meat, Intergriculture und Supermeat), Meeresfrüchten (Finless Foods), Eiweiß (Clara Foods), Milch (Perfect Day) und Gänseleber (Intergriculture) bis hin zu kultiviertem Leder (Modern Meadow) reicht. Die meisten Unternehmen erwarten, dass sie in den nächsten 3-5 Jahren auf den Markt kommen und in 10 Jahren wettbewerbsfähig sein werden. Diese innovativen Unternehmen erhielten weltweit Aufmerksamkeit und konnten so Finanzierungen von nachhaltig denkenden Investoren wie Bill Gates und Richard Branson erhalten.

Umweltfreundliche Alternative?

Eine Studie der Universität Oxford belegt, dass die Produktion von Cultured Meat im Vergleich zur herkömmlichen Fleischproduktion 78-96 % weniger Treibhausgasemissionen verursacht, 99 % weniger Land beansprucht, 82-96 % weniger Wasser verbraucht und 7-45 % weniger Energie benötigt – je nachdem, mit welcher Art von herkömmlichem Fleisch sie verglichen wird. Allerdings gibt es auch Studien, die die Energiekosten als wesentlich höher einschätzen. Alle bisherigen Studien sind natürlich nur theoretische Modelle dazu, wie sich diese noch in der Anfangsphase befindende Technologie entwickeln könnte. Expert_innen sagen, dass es noch viel Raum für Innovationen und damit auch für Optimismus gibt.

Anstehende Herausforderungen

Neben der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, die sich vor allem auf den Preis der Produkte bezieht, müssen noch weitere wichtige Herausforderungen bewältigt werden. Es gilt, die Akzeptanz der Konsument_innen zu gewinnen und regulatorische Rahmenbedingungen festzulegen. Zudem gibt es einige wichtige Fragen zu klären. Würden sich Subventionen in der Landwirtschaft zur Unterstützung dieses neuen Lebensmittels verschieben? Wollen Konsument_innen überhaupt Cultured Meat essen? Könnte es negative Langzeitfolgen geben, die im Moment noch nicht bekannt sind?

Der globale Markt für vegane Produkte wuchs in den letzten Jahren besonders unter jüngeren Konsument_innen schnell an und die Forschung deutet darauf hin, dass pflanzliche Lebensmittel in vielerlei Hinsicht besser sind. Dennoch liegt der globale Fleischmarkt bei rund 90 Milliarden US-Dollar und wird voraussichtlich wachsen. Mark Post, der Pionier für Clean Meat, sagt: “Clean-Meat-Produkte sollen nicht bei Veganer_innen ankommen, sondern bei der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, die noch nicht bereit ist, ihre Essgewohnheiten zu ändern, obwohl sie sich der damit verbundenen Probleme bewusst ist. Natürlich ist es bei dem momentanen Stand der Wissenschaften unerlässlich, weiter zu forschen und sich den verschiedensten Herausforderungen anzunehmen. Gelingt dies jedoch, haben Clean-Meat-Produkte das Potential zu einem wirksamen Instrument in der Gestaltung einer besseren Welt zu werden.”

Und wenn wir dem Urteil der Menschen vertrauen, die Memphis Meats bereits probiert haben, schmeckt es tatsächlich nach Huhn.