Gülle – stehen wir kurz vorm (Er-)Trinken?

Gülle – stehen wir kurz vorm (Er-)Trinken?

08.04.2016

Früher ausschließlich auf dem Feld verbreitet, heute sogar schon im Trinkwasser: Gülle. Seit dem Beginn der Massentierhaltung gibt es einen enormen Anstieg der Güllemenge. Die Felder werden überdüngt und die Schadstoffe sickern bis ins Grundwasser durch. Nitrat im Trinkwasser und antibiotikaresistente Bakterien im Gemüse sind Folgen davon. Doch durch die starke Nachfrage nach Fleisch ist keine Veränderung in Aussicht.

Vom Mist zur Gülle

Die Grundidee den Mist von den Nutztieren als organischen Dünger zu verwenden, entstand vor tausenden von Jahren. Es war eine gute Methode um die Ausscheidungen zu verwerten und den Pflanzen einen guten Nährstoff zum Wachsen zu bieten. Dadurch hatten die Tiere wieder ausreichend Nahrung und konnten dem Bauern erneut Dünger für seine Felder liefern. Dieser geschlossene, umweltfreundliche Kreislauf fand mit dem Aufkommen der Massentierhaltung zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Ende.
Gülle steht nun anstelle von Misthaufen als Düngemittel zur Verfügung. Es handelt sich hierbei nicht mehr wie früher um feste, sondern um flüssige Exkremente. Diese lassen sich besser dosieren und effektiver auf dem Feld verteilen.
Das Feld wird mit Gülle gedüngt.

Ein schmutziges Geschäft

Eine Kuh produziert 16 Liter Gülle pro Tag. Mit der doppelten Menge, sprich mit schon zwei Kühen, kann man einen Hektar Land düngen. Durch die Massentierhaltung kommt es zu einem Überschuss an Gülle, das Agrarland wird überdüngt – versauerte Böden und Wasserkippen sind die Konsequenzen davon.
In Österreich gilt eine Begrenzung von 170 kg/ha pro Jahr, um eine Belastung der Umwelt zu vermeiden. Doch sowohl in Österreich als auch in anderen Ländern wird die Beschränkung oft nicht eingehalten wegen der großen Menge an Gülle, die zur Verfügung steht. Aufgrund dieses Überschusses und des ungleichmäßigen Anfalls ist ein regelrechter „Güllemarkt“ entstanden. Es wird gehandelt, exportiert und importiert - alles auf Kosten der Umwelt, denn der CO2 -Verbrauch steigt.

Trinkwasser ist in Gefahr

Stickstoff und Phosphat sind die Nährstoffe, die den Pflanzen beim Wachsen helfen. Durch die Überdüngung wird jedoch der Nährstoffbedarf der Pflanzen überschritten und sie können die Nährstoffe nicht mehr vollständig verwerten. Es kommt zu einem Überschuss an Nitrat. Bei Regen sickert es immer weiter in tiefere Bodenschichten bis ins Grundwasser.
Der derzeitige Grenzwert für Nitrat im Trinkwasser liegt bei 50 mg/l. Unterhalb dieses Wertes ist das Nitrat für Menschen ungefährlich, wird er jedoch überschritten besteht eine erhöhte Gefahr für Säuglinge und ältere Menschen. Nitrat wird im Körper zu Nitrit reduziert und es können toxische Substanzen entstehen, welche gesundheitsschädlich sind.

Die Umwelt leidet

Nicht nur das Grundwasser, sondern auch Seen und Flüsse sind betroffen. Bei einer starken Anreicherung von Nährstoffen und dem damit verbundenen Wachstum von Wasserpflanzen spricht man von einer Eutrophierung. Durch den erhöhten Sauerstoffverbrauch der Pflanzen fällt der Sauerstoffgehalt des Wassers und es „kippt“. Die Folge davon ist das Fischsterben.
Auch der saure Regen trägt zu einer Eutrophierung bei. Eine der gängigsten Methoden zur Gülle-Ausbringung ist den Dünger auf das Feld zu spritzen. Dadurch wird die Gülle nicht vollständig in den Boden eingebracht und es entstehen hohe Verluste in Form von Ammoniak. Der Stickstoff entweicht und kommt als saurer Regen wieder auf die Erde herunter. Es kommt zur Versauerung von Land- und Wasserökosystemen.

Die Bevölkerung muss bezahlen

Daten vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft aus dem Jahr 2010 zeigen, dass 89 % der Messstellen in Österreich unter dem Schwellenwert von 45 mg/l liegen. 9 % überschreiten jedoch den Grenzwert von 50 mg. Noch kann das Wasser aus der Leitung ohne Bedenken getrunken werden, aber die Kosten für die Wasserversorgung steigen an. Sobald ein erhöhter Wert von Nitrat gemessen wird, müssen Maßnahmen durchgeführt werden um es zu beheben und diese kosten Geld. Das heißt, die Verbraucher_innen müssen dafür bezahlen, obwohl sie keine Verursacher_innen sind.

Verunreinigung im Gemüse

Das Gülleproblem betrifft nicht nur unser Trinkwasser sondern auch unsere Lebensmittel. In dem Futter der Nutztiere wird eine bedenkliche Menge an Antibiotika beigefügt. Diese werden zu einem Großteil wieder ausgeschieden und als Gülle auf den Feldern verteilt, wo später Gemüse angebaut werden kann. Sowohl in dem heimischen aber vor allem in dem asiatischen Gemüse wurden antibiotikaresistente Bakterien entdeckt. Diese besitzen ein Enzym, welches Antibiotika unwirksam machen. Verzehrt man das Gemüse roh, setzen diese Bakterien sich im Darm fest. So stellen sie ein gesundheitliches Risiko dar, Antibiotika im Falle einer Krankheit abzustoßen.

Kein Ende in Sicht

Subventionen und die Fleischlust lassen den Fleischkonsum und somit den Gülletourismus weiter boomen. Die EU fördert durch die falsch eingesetzten Agrarsubventionen weiter die Massentierhaltung und der Konsument genießt den Luxus des billigen Fleisches. Ein Trend, der solange anhalten wird, bis die Folgen spürbar werden und man darauf kommt, dass man Gülle nicht trinken kann.

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