Interview zum 20-jährigen Jubiläum | Vegane Gesellschaft Österreich

Interview zum 20-jährigen Jubiläum

31.10.2019

Paula, du bist seit Anfang an Teil der Veganen Gesellschaft. Du warst an ihrer Entstehung maßgeblich beteiligt und hast sie über viele Jahre zunächst als Obfrau, später als Obmann-Stellvertreterin begleitet. Wie war es damals, im Jahr 1999, eine Vegane Gesellschaft in Österreich zu gründen, als das Wort vegan noch so gut wie unbekannt war?

Paula: Wir wussten, dass es ein bescheidener Anfang war. Aber wir wussten auch, dass viele Länder bereits eine Art Vegane Gesellschaft hatten – und in je mehr Ländern es einen solchen Verein gibt, desto besser für die Verbreitung der veganen Lebensweise.

Welche Ziele habt ihr damals mit der Gründung der Veganen Gesellschaft verfolgt?

Paula: Einer der wichtigsten Gründe war die Vernetzung von Gleichgesinnten. Damals war es relativ einfach, vegetarisch zu werden. Vegan zu werden war hingegen viel komplizierter, vor allem wenn man keine Personen mit demselben Lebensstil kannte. Daher begannen wir mit der Gründung von Stammtischen in mehreren Städten Österreichs. Da wir es wichtig fanden, den Veganismus zu feiern, haben wir die Veganmania-Sommerfeste ins Leben gerufen. Öffentliche Plätze boten die perfekten Möglichkeiten, um anderen die vegane Lebensweise näherzubringen. Unsere Website www.vegan.at ging ziemlich früh online und bot Zugang zu Informationen und ein Forum für Diskussionen. Ich habe mir immer schon Eltern vorgestellt, deren Kind wütend nach Hause kommt, weil es erfahren hat, wie Tiere behandelt werden, und das deshalb vegan werden möchte. Diese Eltern benötigen Informationen über Ernährung, ohne sich durch wissenschaftliche Fachartikel kämpfen zu müssen. Außerdem wollten wir eine seriöse Ansprechpartnerin für Medien sein. Daher war es uns von Anfang an äußerst wichtig, dass wir den Veganismus rational und wissenschaftlich präsentierten. Ich freue mich sehr, sagen zu können, dass dies auch heute noch der Fall ist.

Felix, aus heutiger Sicht: Hat sich an den Zielen im Laufe der Jahre etwas verändert?

Felix: Seither sind Akzeptanz und Verbreitung der veganen Lebensweise stark gewachsen. Unsere Aktivitäten sind umfangreicher und vielfältiger geworden, aber im Prinzip ist das Ziel noch dasselbe: Wir wollen das vegane Leben leichter machen – und das auf allen Ebenen. Wir setzen uns dafür ein, dass das Supermarktangebot an veganen Produkten wächst und dass auch Kantinen und öffentliche Einrichtungen eine pflanzliche Option anbieten. So bringen wir zahlreichen Menschen die Vielfalt der pflanzlichen Kost näher. Außerdem haben wir mit unserem Vegucation-Projekt einen großartigen Schwerpunkt auf die Kochausbildung gelegt. Wir arbeiten auch daran, dass sich in der Medizin und den Ernährungswissenschaften etwas bewegt. Unser Zugang, dass wir dabei seriös und ehrlich informieren, ist derselbe geblieben.

Ihr lebt beide schon viele Jahre lang vegan. Wie hat das Angebot damals ausgesehen? Und was hat sich seitdem getan?

Paula: Ich habe die Umstellung auf vegan mehr oder weniger über Nacht gemacht. Ich war so entsetzt, als ich mitbekommen habe, wie Tiere behandelt werden, dass ich einfach nichts mehr von ihnen essen konnte. Dieses Entsetzen hat mir sicher geholfen, denn vegane Lebensmittel waren damals nicht so toll. Die erste Sojamilch, die ich getrunken habe, sah aus wie Kreide und Wasser – und schmeckte auch so. Natürlich war es auch früher schon möglich, köstliche vegane Gerichte mit frischen und vollwertigen Lebensmitteln zu kochen. Aber beim Auswärtsessen und bei den veganen Alternativen von Lebensmitteln, die Allesesser_innen zu sich nehmen, sah es früher ganz anders aus. Hier sind wir erstaunlich weit gekommen!

Felix: Das stimmt. Als ich vor 17 Jahren vegan wurde, gab es in den größeren urbanen Supermärkten wie Merkur weißen Tofu, drei verschiedene Sorten Gemüseaufstriche sowie Sojamilch für 2,80 Euro. Heute gibt es in jedem Dorf bei Billa, SPAR und sogar bei Diskontern eine riesige Produktpalette mit großartigen pflanzlichen Alternativen – oft sogar in Bioqualität.

Welche weiteren Unterschiede zwischen damals und heute fallen euch ein?

Felix: Die öffentliche Wahrnehmung ist inzwischen eine ganz andere. Früher wussten die Menschen oft gar nicht, was vegan bedeutet. Wenn sie es doch wussten, waren sie entsetzt und besorgt, wenn ich davon erzählte. Heute sagen mir Menschen oft, dass sie weniger Fleisch essen wollen, obwohl ich sie gar nicht danach frage.

Paula: Das sehe ich ähnlich. Einer der größten Unterschiede ist, dass den Menschen endlich der Zusammenhang zwischen Tierprodukten und Umweltproblemen klar wird. Dadurch haben bereits viele ihren Konsum an tierischen Lebensmitteln reduziert. Das hat zu einem unglaublichen Wachstum des Angebots an pflanzlichen Fleisch- und Milchalternativen geführt. Heute handelt es sich nicht mehr um eine winzige Gruppe von Veganer_innen, die versuchen, die Welt zu verändern. Plötzlich gibt es diese große Veränderung im Verhalten der Menschen. Diese Änderung führt zu neuen Diskussionen über das Konzept der Tierbefreiung.

Mit Felix als Obmann trat die Vegane Gesellschaft eine neue Ära an. Felix begann, Kooperationen mit Unternehmen aufzubauen. Inzwischen arbeiten eigene Angestellte daran, Unternehmen davon zu überzeugen, dass die Investition in vegane Produkte eine Win-win-Situation ist. Dadurch wuchs nicht nur das vegane Produktangebot, sondern auch der Ruf der Veganen Gesellschaft. Gleichzeitig erhielt sie eine breitere Unterstützung.

Ist die Beliebtheit des veganen Lebensstils auch mit wirtschaftlichen und soziodemografischen Zahlen belegbar?

Felix: Ich denke, dass in den letzten Jahren in keinem anderen Wirtschaftsbereich so dynamische Wachstumszahlen zu finden waren wie bei veganen Produkten. Wir reden hier über jährliche Zuwachsraten von 25-30 %. Eine repräsentative Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2018 besagt, dass in Österreich 106.000 Menschen vegan leben, und zusätzliche 9,2 % der Bevölkerung vegetarisch. Die wirtschaftlich wichtigste Gruppe mit 52 % sind aber Menschen, die ihren Fleischkonsum reduzieren wollen. Wir wissen von den Supermarktketten, dass 80 % der vegetarischen Produkte nicht von Vegetarier_innen und 98 % der veganen Produkte nicht von Veganer_innen gekauft werden, sondern von Menschen, die bewusst ihren Konsum an Tierprodukten verringern wollen. Ähnliche Entwicklungen beobachten wir bei der Zahl unserer Unterstützer_innen und Eventbesucher_innen. Ist die vegane Ernährung ein Trend? Ich würde sagen, es ist eine nachhaltige Entwicklung und ein Mega-Trend zugleich.

Was waren aus eurer Sicht die größten Erfolge der Veganen Gesellschaft in den letzten 20 Jahren?

Paula: Das Projekt Vegucation ist für mich eine große Leistung. Dass die vegane Küche als Teil der Kochausbildung in vielen berufsbildenden Schulen angeboten wird, bedeutet, dass der Veganismus in der Branche gewürdigt wird. Das führt zu einem stärkeren Anreiz, köstliche vegane Gerichte anzubieten. Aus der Medienberichterstattung, Unternehmenszusammenarbeit und akademischen Welt wird deutlich, dass die Vegane Gesellschaft zu einer vertrauenswürdigen Ansprechpartnerin geworden ist.

Felix: Hier teile ich Paulas Einschätzung. Ich bin auch total begeistert von Vegucation. Außerdem freue ich mich sehr darüber, dass uns unterschiedlichste Massenmedien inzwischen sehr gerne einladen. Ich bin auch ein großer Fan unserer Sommerfeste, weil ich mich selbst noch gut erinnern kann, wie ich zum ersten Mal eine Veganmania besuchte. Ich fühlte mich damals wie im Paradies.

Es gab leider auch schwierige Zeiten: Als am 21. Mai 2008 österreichweit in 23 Wohnungen und Büros Hausdurchsuchungen stattfanden und zehn Personen für 105 Tage unschuldig in Untersuchungshaft kamen, war auch die Vegane Gesellschaft betroffen. Die Tierschutzcausa gipfelte schließlich in einem 14-monatigen Tierschutzprozess in Wiener Neustadt, der im Endeffekt mit einem kompletten Freispruch endete und als einer der größten Justizskandale der Zweiten Republik angesehen wird. Wie habt ihr diese Zeit damals erlebt?

Paula: Zu sagen, dass dies eine schwierige Zeit war, ist eine Untertreibung. Das gilt vor allem für die angeklagten Personen. Als sich der groteske und langwierige Prozess hinzog, begann die Öffentlichkeit, ihn als den Justizskandal zu erkennen, der er wirklich war. Veganismus und Tierrechte erhielten dadurch neuen Respekt und Unterstützung.

Felix: Als ich am 21. Mai 2008 von zehn Polizisten mit gezogenen Waffen, die mit einem Rammbock die Türe eindroschen, geweckt wurde, hat mich das komplett aus dem Leben gerissen. Es folgten 3,5 Monate Untersuchungshaft, in denen ich nicht wusste, was mir vorgeworfen wurde. Ich denke, diese schockartige Krise hat gezeigt, dass wir schon damals sehr breit aufgestellt waren. Sobald ich weg war, haben meine Kolleg_innen umso mehr gearbeitet. Sehr viele unserer Mitglieder fühlten sich motiviert, uns weiter zu unterstützen. Dafür sowie für die interessierte Öffentlichkeit und die Unterstützung meiner Familie bin bis heute sehr, sehr dankbar.

Welche Projekte stehen bei der Veganen Gesellschaft als nächstes an?

Felix: Nächstes Jahr werden wir sehr spannende Projekte vorstellen, die ein riesiges Potenzial haben. Das betrifft die Bereiche der Gastronomie und der Kantinen, aber da möchte ich nicht zu viel verraten. Außerdem müssen wir weiter mit voller Kraft die Öffentlichkeit informieren, dass für pflanzliche Milchalternativen ein Mehrwertsteuersatz von 20 % gilt und für Kuhmilch nur der Satz von 10 %. Das ist absolut nicht zu rechtfertigen.

Warum wird die Arbeit der Veganen Gesellschaft auch in Zukunft notwendig und wegweisend sein?

Paula: Um eine wachsende Weltbevölkerung ernähren sowie den Klimawandel und Gesundheitsprobleme bekämpfen zu können, sollten die Menschen laut einer aktuellen Publikation, „The Planetary Health“, viel mehr Gemüse, Obst, Nüsse und Hülsenfrüchte konsumieren. Eine vegane Ernährung wäre die optimale Variante. Die Zukunft ist pflanzlich! Heute boykottieren viele Schüler_innen ihren Unterricht, weil sie wütend sind, dass Politiker_innen sie und ihre Zukunft im Stich lassen und weiterhin auf Wirtschaftswachstum statt auf Nachhaltigkeit setzen. Junge Leute wissen, dass Veganismus ein wichtiger Teil einer nachhaltigen Zukunft ist! Die Arbeit der Veganen Gesellschaft wird deswegen immer wichtiger. Sie unterstützt Menschen dabei, vegan zu leben. Der Verein macht sich in ihrem Namen dafür stark, dass Institutionen in allen Lebensbereichen einen veganen Lebensstil respektieren und unterstützen.

Felix: Ich kann mich Paula hier nur anschließen! Kurzum müssen wir weltweit bis 2040 den Konsum von Tierprodukten um 50 % reduzieren, um den Klimawandel aufzuhalten. Das wird die große Herausforderung der Zukunft und wir möchten unseren Teil dazu beitragen. Und durch die Unterstützung unserer Mitglieder können wir das schaffen.

Die unmittelbare Handlungsfähigkeit ist für mich das Schönste an der veganen Lebensweise. Es gibt so viel Ungerechtigkeit auf der Welt und so viele unehrliche Politiker_innen – es ist beinahe zum Verzweifeln. Besonders, weil mensch dies nicht direkt ändern kann. Die vegane Ernährung kann jedoch jede Person ausprobieren und damit die Welt sofort zu einem besseren Ort machen. Und das gilt für jede einzelne Mahlzeit. Ich denke, dass deshalb auch unser „Veganer Monat“ so beliebt ist. Anmelden kann man sich unter: www.vegan.at/veganermonat. Danach flattern alle zwei Tage hilfreiche E-Mails mit Tipps, Rezepten, Videos und Einkaufsmöglichkeiten ins Haus. So ist es ganz einfach, das vegane Leben auszuprobieren.