Tierrechte in der Westbank

Tierrechte in der Westbank

05.01.2016

Israel soll das veganste Land der Welt sein. Und Tel Aviv schon bald die veganste Stadt der Welt. Keine 50 Kilometer entfernt liegt Ramallah, die inoffizielle Hauptstadt der Westbank mit dem Flüchtlingslager Jalazon: eine andere Welt. Der Publizist und Fotograf Klaus Petrus hat sich dort mit Ahmad Safi von der Palestinian Animal League getroffen und mit ihm über vegane Trends in Palästina geredet, über Tierschutzarbeit unter erschwerten Bedingungen und darüber, wieso manche Margarine billiger ist als andere.

Interview und Foto: Klaus Petrus

Ahmad Safi, wir sind in Jalazon, einem palästinensischen Flüchtlingslager mit fast 15.000 Menschen nahe von Ramallah. Und genau hier gibt es neuerdings eine vegane Bäckerei, die wohl erste in der ganzen Westbank. Wie kam es dazu?

Mein Bruder Kahled, Inhaber der Bäckerei, und ich sind in Jalazon aufgewachsen. Und wir hatten diese Idee schon lange, jetzt wurde sie umgesetzt. Was eigentlich recht einfach war, da Kahled ohnehin nur vegetarische Backwaren im Angebot hatte. Er musste bloß bestimmte Zutaten weglassen. Oder sie ersetzen – wie zum Beispiel Kuhmilch durch Sojamilch oder Butter durch Margarine.

Und wie kommt das hier im Flüchtlingslager an?

Das muss sich noch herumsprechen. Kahled beliefert aber bereits Restaurants in Ramallah, dort gibt es viele Leute, die sich für die vegane Lebensweise interessieren.

Erlebt denn Palästina, ähnlich wie Israel, einen veganen Hype?

Nein, davon kann nun wirklich nicht die Rede sein. Aber: Immer mehr Menschen interessieren sich für gesunde Ernährung, das ist durchaus ein Trend. Dabei muss man wissen, dass in Palästina – anders als in Israel – nur wenig Fleisch und Fisch gegessen wird. Für die meisten ist das einfach zu teuer. Bleiben Eier und Milchprodukte. Und über die negativen gesundheitlichen Auswirkungen genau dieser Lebensmittel wird auch bei uns immer häufiger diskutiert.

Dann geht es diesen Leuten also weniger um die Tiere?

So ist es. Gesundheitliche Aspekte stehen im Vordergrund. Jedenfalls bisher.

Du hast 2011 die Palestinian Animal League mitgegründet, die wohl einzige Tierrechtsorganisation in einem besetzten Gebiet. Möchtet ihr mit euren Aktionen gezielt die tierethische Perspektive stärken?

Ja, denn das Bewusstsein für Tierschutz ist in Palästina noch sehr gering. Wir haben nicht einmal Tierschutzgesetze. Aber wir sind optimistisch. Auch wenn wir wissen, dass gesellschaftliche Veränderungen nicht über Nacht passieren. Wir möchten vor allem die Jugendlichen erreichen, denn sie tragen die neuen Ideen in ihre Familien und so auch in die Gemeinschaft hinein. Deshalb gehen wir oft an Sommerlager, Schulen und Unis, wir diskutieren mit den jungen Menschen über Veganismus und Tierrechte und helfen ihnen, eigene Projekte auf die Beine zu stellen.

Zum Beispiel?

Eine Klasse gestaltete ein Schülermagazin über vegane Ernährung, soziale Gerechtigkeit und Respekt vor dem Leben. Eine andere versorgte die gesamte Schule während eines Tages mit veganem Essen. Wieder andere organisierten einen Tag der offenen Tür, wo über Tierschutz und Tierrechte informiert wurde. Aus Initiativen wie diesen haben wir zusammen mit den Universitäten Al Quds und Al Najah die „Young Journalists for Animal Welfare“ ins Leben gerufen. Die Idee dahinter ist diese: Erfahrene Studierende übernehmen die Rolle von Mentoren und helfen Schulkindern aus der Region bei ihren Projekten. Das können, wie gesagt, Anlässe mit veganem Essen sein, aber auch Aktionen, die auf die Lage der streunenden Hunde aufmerksam machen. Das Wichtigste dabei sind die Bedürfnisse der Jugendlichen, ihre Eigeninitiative und nicht irgendwelche Vorschriften. Wir kommen nicht daher und sagen: So und so müsst ihr das machen. Oder: dies und das dürft ihr nicht. Das ginge nie und nimmer.

Ist das auch kulturell bedingt?

Ja, mag sein. Nehmen wir das Beispiel vegane Ernährung. Man könnte mit einer Tasche voller Argumente auffahren und die Leute davon überzeugen wollen, dass es falsch ist, Tiere zu essen, dass man dies nicht tun darf und man vegan leben sollte. Glaub mir, so etwas würde man bei uns niemals akzeptieren. Und zwar schon deswegen, weil der Verzehr von Tierprodukten laut Speisegesetzen des Islam sehr wohl erlaubt ist, also „halal“. Wie kann dann jemand zu behaupten wagen, Tiere essen sei „haram“, also verboten? Diese Frage würden dir übrigens auch Palästinenser stellen, die nicht streng religiös sind.

Und wie geht ihr mit dieser Situation um?

Wir versuchen das Augenmerk auf Alternativen zu lenken. Wir sagen also nicht: Ihr dürft keine Tiere essen! Ihr müsst vegan leben! Stattdessen versuchen wir den Leuten aufzuzeigen, dass sie die Wahl haben zwischen dem Verzehr tierlicher Produkte und einer veganen Ernährung. Und dass letzteres eben viel mehr Vorteile hat: Vegan ist besser für die Tiere und besser für die eigene Gesundheit.

Wie erfolgreich seid ihr mit euren Aktivitäten?

Die Palestinian Animal League hat bereits über hundert Leute, die ehrenamtlich für uns arbeiten, und es werden immer mehr. Und wir betreuen Projekte im ganzen Land, sind also sehr gut vernetzt. Doch wie gesagt: Gesellschaftliche Veränderungen brauchen viel Zeit und noch mehr Geduld. Besonders in Palästina.

Spielst du auf die politische Situation an?

Ja, auch. Die israelische Besatzung prägt unseren Alltag – und unsere Tierschutzarbeit.

Kannst du uns ein Beispiel nennen?

Wie ich schon sagte, haben wir Projekte in der ganzen Westbank, von Hebron bis Jenin. Doch ist das Reisen wegen der vielen Kontrollen an den israelischen Checkpoints für unsere Leute sehr aufwändig oder, wie seit den neuesten Ausschreitungen, schlicht unmöglich, weil zu gefährlich. Und so müssen wir immer wieder bei Null anfangen. Ein anderes Beispiel ist die Massentierhaltung, die uns natürlich ein Dorn im Auge ist, gegen die wir aber derzeit kaum etwas ausrichten können. Weil Palästina wirtschaftlich stark von Israel abhängig ist, versucht das palästinensische Landwirtschaftsministerium nämlich den Selbstversorgungsgrad anzuheben – so auch bei Tierprodukten. Schon deshalb würden sie uns umbringen, würden wir zum Beispiel eine Kampagne gegen Legebatterien starten. Das wäre gegen Palästinas Kampf für mehr Autonomie. Übrigens hat die israelische Besatzung auch Auswirkungen auf die erste vegane Bäckerei.

Wie das?

Es geht um die Margarine. Wir haben keine eigene Produktion, sind also auf das Ausland angewiesen. Genauer gesagt: auf die billige Margarine aus Israel oder auf eine teurere von anderswo. Wie viele von uns boykottiert auch mein Bruder aus politischen Gründen israelische Produkte. Also kosten seine veganen Backwaren mehr, was für einen kleinen Betrieb ein ziemliches Risiko darstellt.

Das klingt ernüchternd.

Nein, nur realistisch. Ein Grund aufzugeben ist das nicht. Denn wir haben keine andere Wahl. Wir können nicht auf das Ende der Besatzung warten. Wir müssen schon heute an unserer Zukunft arbeiten, an einer gerechteren Zukunft. Für uns, für unsere Kinder, für die Tiere – und für unser Land.