Darmkrebsrisiko bei veganer Ernährung: Eine evidenzbasierte Einordnung

Darmkrebsrisiko bei veganer Ernährung: Eine evidenzbasierte Einordnung

26.03.2026

Ein hoher Konsum von verarbeitetem und rotem Fleisch, Übergewicht und eine ballaststoffarme Kost zählen zu den größten Risikofaktoren für Darmkrebs. Folglich birgt eine pflanzliche Ernährung ein großes Potenzial, Darmkrebs vorzubeugen. Neueste Schlagzeilen besagen jedoch das Gegenteil – demnach sei eine vegane Ernährung sogar risikoerhöhend. Das wirft viele Fragen auf. Wie es zu diesen negativen Medienberichten gekommen ist, warum Veganer:innen trotzdem nicht verunsichert sein müssen und worauf sie bei der Ernährung gezielt achten können, beleuchten wir in diesem Artikel.

Neue Studie zu Krebserkrankungen bei vegetarischen Ernährungsformen

Grund für die aktuellen Schlagzeilen ist eine kürzlich publizierte Studie, die die Daten von 1,8 Millionen Teilnehmer:innen analysiert hat. Ihr zufolge haben vegetarisch lebende Menschen im Vergleich zu Fleischesser:innen ein signifikant reduziertes Risiko für verschiedene Krebserkrankungen: Bauchspeicheldrüsenkrebs (-21 %), Brustkrebs (-9 %), Prostatakrebs (-12 %), Nierenkrebs (-28 %) und Multiples Myelom (eine Form von Blutkrebs, -31 %). Gleichzeitig ist das Risiko für Vegetarier:innen, an einer bestimmten Form von Speiseröhrenkrebs (dem Plattenepithelkarzinom) zu erkranken, laut der Studie fast doppelt so hoch wie bei Fleischesser:innen und das Risiko für Darmkrebs speziell bei Veganer:innen um 40 % erhöht (Watling et al. 2026). Das wirkt irritierend – insbesondere vor dem Hintergrund, dass die WHO verarbeitetes Fleisch als krebserzeugend einstuft und rotes Fleisch als wahrscheinlich krebserzeugend klassifiziert (IARC 2018). Eine differenzierte Betrachtung der wissenschaftlichen Studienlage ist daher notwendig.

Person, die mit ihren Händen auf Höhe des Darms ein Herz vor ihrem Körper bildet.

Uneinheitliche Ergebnisse: Frühere Studien zeigen reduziertes Risiko

In der Vergangenheit haben verschiedene große Studien herausgefunden, dass eine pflanzliche Ernährung mit einem reduzierten Risiko für verschiedene Krebsarten assoziiert ist. Das gilt auch für Darmkrebs – so haben einige Untersuchungen ergeben, dass bei Veganer:innen seltener Darmkrebserkrankungen auftreten als bei Fleischesser:innen (Orlich et al. 2015, Zhao et al. 2022). Eine aktuellere Publikation im Rahmen der großen Adventist Health Study 2 deutet ebenfalls auf ein verringertes Risiko hin, allerdings ist aufgrund zu geringer Fallzahlen die statistische Aussagekraft nicht ausreichend. Die Studie zeigt jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit für Veganer:innen, an Krebserkrankungen generell zu erkranken, im Vergleich zu Fleischesser:innen verringert ist (Fraser et al. 2025). Andere Publikationen bestätigen dies: In einer früheren Untersuchung aus England hatten Veganer:innen im Vergleich zu Fleischesser:innen ein um 19 % reduziertes Risiko für alle Krebsarten (Key et al. 2014), in einer weiteren Studie betrug die Reduktion 14 % (Dinu et al. 2017). Zudem zeigen verschiedene Publikationen Vorteile einer veganen Ernährung in Bezug auf bestimmte Krebserkrankungen, beispielsweise ein deutlich verringertes Risiko (26–31 %, je nach Alter) für Brustkrebs (Fraser et al. 2025) sowie ein um 35 % verringertes Risiko für Prostatakrebs (Tantamango-Bartley et al. 2016).

Weitere brandneue Studie: Risiko für alle Krebsarten deutlich reduziert, für Darmkrebs nur minimal (2 %) erhöht

Ende März 2026 wurde eine weitere große Studie publiziert, die sich auf sehr ähnliche Daten stützt wie die oben erwähnte von Watling et al. Sie zeigt für Veganer:innen im Vergleich zu Nicht-Vegetarier:innen ein um 23 % verringertes Risiko, überhaupt an Krebs zu erkranken. Das ist mehr als bei Vegetarier:innen (13 %). Die Wahrscheinlichkeit, Darmkrebs zu entwickeln, ist laut dieser Metaanalyse für Veganer:innen lediglich 2 % größer als bei Nicht-Vegetarier:innen – also vernachlässigbar. Für Brustkrebs wurde bei Veganer:innen ein um 20 % und für Prostatakrebs ein um 13 % verringertes Risiko festgestellt. Für zahlreiche weitere Krebserkrankungen wie Magen-, Lungen- und Blasenkrebs wurde gezeigt, dass Vegetarier:innen seltener daran erkranken. Für Veganer:innen waren dafür aufgrund zu weniger Daten keine statistisch signifikanten Aussagen möglich (Aune et al. 2026). Das zeigt, dass unterschiedliche Analysen ähnlicher Daten zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können. Um konkretere Aussagen zum Darmkrebsrisiko bei Veganer:innen treffen zu können, braucht es mehr Studien und mehr Daten.

Schützende Effekte veganer Ernährung in Hinblick auf Krebserkrankungen

Dass eine vegane Ernährung protektiv gegenüber Krebserkrankungen im Allgemeinen und Darmkrebs im Speziellen wirkt, ist eigentlich naheliegend: Sie enthält viele Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe, die antioxidativ und antientzündlich wirken (Aune et al. 2011). Verarbeitetes Fleisch wie Wurst und Speck sowie wahrscheinlich auch rotes Fleisch gelten als krebserzeugend (IARC 2018). Gründe dafür sind unter anderem Substanzen wie heterozyklische Amine und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe sowie gesättigte Fettsäuren und Häm-Eisen. Darüber hinaus leiden Veganer:innen erheblich seltener an Übergewicht und Adipositas, die das Risiko für viele Krebserkrankungen deutlich erhöhen (World Cancer Research Fund 2018). Zudem steht das Auftreten von Diabetes mellitus Typ 2 in Verbindung mit der Entstehung verschiedener Krebserkrankungen – auch hieran erkranken vegetarisch und vegan lebende Menschen seltener (Aune et al. 2026).

Methodische Limitationen und mögliche Erklärungsansätze

Wie bereits an den sehr unterschiedlichen Studienergebnissen zu erkennen ist, ist das in der Studie von Watling et al. festgestellte erhöhte Darmkrebsrisiko mit Vorsicht zu interpretieren.

  • Methodisch einschränkend ist vor allem die geringe Fallzahl in der veganen Subgruppe: Veganer:innen machten lediglich 0,5 % der Studienpopulation aus und es wurden lediglich 93 Erkrankungen erfasst. In fünf der sieben integrierten Studien traten jeweils weniger als 10 Fälle auf. Die Studienautor:innen schreiben daher, dass die Ergebnisse nur bedingt aussagekräftig sind.
  • Auch die Adjustierung hat Auswirkungen – also die Angleichung verschiedener Faktoren wie Alter, Alkoholkonsum, Rauchverhalten und BMI, um besser vergleichen zu können. Da (starkes) Übergewicht das Risiko für Krebserkrankungen deutlich erhöht und Veganer:innen wesentlich seltener übergewichtig und adipös sind, verringert sich das Risiko für Veganer:innen merklich, sobald nicht mehr nach dem BMI adjustiert wird.
  • Diskutiert wird zudem eine mögliche umgekehrte Kausalität: Demnach könnten Personen mit präkanzerösen Darmläsionen (z. B. Polypen oder Entzündungen) häufiger auf vegane Ernährung umsteigen, in der Hoffnung, die Beschwerden zu lindern. Für diese Theorie spricht, dass sich die Zahl der Darmkrebsfälle bei Veganer:innen nach Ausschluss der ersten vier Jahre, in denen sie vegan lebten, um ein Drittel verringerte (von 93 auf 60) und somit nicht mehr statistisch signifikant war.

Als mögliche biologische Ursache können sich die Studienautor:innen die relativ geringe Kalziumaufnahme vieler Veganer:innen vorstellen. Kalzium kann gallensäureassoziierte Karzinogene im Darm binden und somit deren schädliche Wirkung reduzieren (World Cancer Research Fund 2018). Da das Darmkrebsrisiko bei Vegetarier:innen in verschiedenen Studien merklich reduziert ist (Aune et al. 2026) und Veganer:innen laut früherer Studien im Durchschnitt ca. 30 % weniger Kalzium aufnehmen als Mischköstler:innen (Craig 2009), ist es denkbar, dass Kalzium eine wesentliche Rolle spielt. Daneben könnten auch andere potenzielle Nährstoffdefizite relevant sein. Nicht auszuschließen ist zudem, dass die erhöhte Exposition gegenüber bestimmten Substanzen, die krebserregend wirken (könnten), eine Auswirkung hat. Dazu gehören unter anderem Aflatoxin – ein Schimmelpilzgift, das unter anderem in Erdnüssen, Mandeln, Getreide, Soja und Obst vorkommt – sowie Acrylamid, das beim Anrösten von Kartoffeln und Getreide entsteht, aber auch in Frühstücksflocken und Knäckebrot enthalten ist. Diese werden von den Studienautor:innen jedoch nicht diskutiert.

Präventive Maßnahmen: Das können Veganer:innen tun, um Darmkrebs vorzubeugen

  • Ausgewogen und vollwertig ernähren: Hülsenfrüchte, Vollkorngetreide, Gemüse und Obst, Nüsse und Ölsaaten sowie hochwertige pflanzliche Öle sind die Basis einer gesunden veganen Ernährung. Sie liefern unter anderem viele Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe.
  • Ausreichend Kalzium: In Form von kalziumreichen Lebensmitteln wie Tofu, Grünkohl, Brokkoli und angereicherter Pflanzenmilch. Für Erwachsene sollten es 1.000 mg Kalzium pro Tag sein.
  • Auf alle weiteren potenziell kritischen Nährstoffe achten: Dazu zählen unter anderem Vitamin B12, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren.
  • Regelmäßige körperliche Aktivität: Mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche. Dadurch werden Entzündungsmarker reduziert und die Darmbewegung wird verbessert.
  • Normalgewicht halten (oder anstreben): Viszerales Fettgewebe (im Bauchraum) fördert Entzündungen und Insulinresistenz.
  • Alkohol und Tabak meiden.
  • Keine übermäßige Supplementierung: Nahrungsergänzungsmittel können sinnvoll sein, sollten jedoch nur dann eingenommen werden, wenn die Nährstoffe nicht ausreichend über die Ernährung gedeckt werden können. Bei veganer Ernährung ist das Vitamin B12, teilweise kommen weitere wie Jod, Selen, Kalzium, Vitamin D etc. hinzu. Dabei gilt jedoch nicht „so viel wie möglich“, sondern „nur so viel wie nötig“. Auch eine zu hohe Supplementierung könnte ggf. Krebs auslösen oder verstärken. 
  • Kartoffeln und Getreide nicht zu stark anrösten: Durch den Bräunungsvorgang entsteht Acrylamid. 
  • Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen: Darmspiegelung ab 50 Jahren (bei Risikopatient:innen früher).

Fazit

Die schützenden Effekte einer veganen Ernährung überwiegen die potenziellen Risiken. Das gilt vor allem dann, wenn auf eine ausgewogene, vollwertige Kost inklusive der Deckung potenziell kritischer Nährstoffe geachtet wird und präventive Lebensstilfaktoren berücksichtigt werden. Wünschenswert ist weitere Forschung, die größere Kohorten mit Veganer:innen umfasst, um statistisch robustere Aussagen zu ermöglichen.

 

Quellen

Aune D., Chan D. S., Lau, R., Vieira R., Greenwood D. C., Kampman E., Norat, T. 2011. Dietary fibre, whole grains, and risk of colorectal cancer: systematic review and dose-response meta-analysis of prospective studies. BMJ (343), d6617. doi: 10.1136/bmj.d6617.

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IARC Working Group on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans.2018. Red Meat and Processed Meat. IARC Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans, Volume 114. https://publications.iarc.fr/564

Orlich M.J., Singh P.N., Sabaté J., Fan J., Sveen L., Bennett H., Knutsen S.F., Beeson W.L., Jaceldo-Siegl K., Butler T.L., Herring R.P., Fraser G.E.. 2015. Vegetarian dietary patterns and the risk of colorectal cancers. JAMA Intern Med. (175:5), 767-76. doi: 10.1001/jamainternmed.2015.59.

Tantamango-Bartley Y., Jaceldo-Siegl K., Fan J., Fraser, G. 2016. Vegetarian diets and the incidence of cancer in a low-risk population. Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention (25:2), 286-294. doi: 10.1158/1055-9965.EPI-15-0403.

Key T.J., Appleby P.N., Crowe, F.L., Bradbury K.E., Schmidt J.A., Travis R.C. 2014. Cancer in British vegetarians: updated analyses of 4998 incident cancers in a cohort of 32,491 meat eaters, 8612 fish eaters, 18,298 vegetarians, and 2246 vegans1234. The American Journal of Clinical Nutrition (100:1), 378-385. doi: 10.3945/ajcn.113.071266.

World Cancer Research Fund/American Institute for Cancer Research. 2018. Diet, Nutrition, Physical Activity and Cancer: a Global Perspective. Continuous Update Project Expert Report. https://www.wcrf.org/dietandcancer

Zhao Y., Zhan J., Wang Y., Wang D. 2022. The Relationship Between Plant-Based Diet and Risk of Digestive System Cancers: A Meta-Analysis Based on 3,059,009 Subjects. Front Public Health (10), 892153. doi: 10.3389/fpubh.2022.892153.

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