Vegan Gender | Vegane Gesellschaft Österreich

Vegan Gender

29.04.2014

Die männliche Lust auf Fleisch

Ein Mann und eine Frau bestellen in einem Restaurant etwas zu essen – einen großen Salatteller für den Herrn, ein blutiges Steak für die Dame. Der Kellner schreibt die Wünsche auf, marschiert zurück in die Küche und übergibt die Bestellungen seinem Kollegen. Als der neue Kellner kurz darauf die Speisen bringt, stellt er dem Mann das Fleisch hin, während er der Frau wie selbstverständlich den Salat vorsetzt, den sie eigentlich nicht bestellt hatte.

Vegan Gender

Warum ging der Kellner davon aus, dass das Fleisch für den Mann wäre? Verfiel er einem bloßen Vorurteil? Nein, sagen viele Studien. Laut mehreren Untersuchungen zum Thema ist es nicht ungewöhnlich, Fleischkonsum mit Männern und Vegetarismus mit Frauen zu assoziieren. Bereits junge Schüler_innen gaben in Umfragen an, Buben würden ihrer Meinung nach eher schwere Fleischgerichte und Mädchen leichte, vegetarische Speisen bevorzugen (1). Mit dem Alter verstärkt sich dieser gesellschaftliche Druck, der unsere Wahrnehmungen, Meinungen und damit auch unsere Konsummuster prägt. Laut Statistiken nehmen Frauen in Mitteleuropa tatsächlich um ein Drittel weniger Fleisch zu sich (2), während sogar doppelt so viele Frauen wie Männer vegetarisch leben (3).

Die Herstellung von Geschlecht beim Essen

Für welche Nahrung wir uns als Einzelperson entscheiden, wird also nicht bloß individuell, sondern vor allem kollektiv geregelt. Wie auch Pierre Bourdieu schon in den 1980ern die Wahl der Ernährung als kulturelle Praxis ansah (8), bestätigen das heute viele andere wissenschaftliche Untersuchungen. Bereits in frühester Kindheit entwickeln wir geschlechtsspezifische Verhaltensmuster, die vor dem Esstisch nicht Halt machen. Damit Max so groß und stark wie der Papa werden kann, braucht er eine ordentliche Portion totes Tier. Die kleine Maria nimmt jedoch, eben ganz nach der Mama, mit dem Beilagengemüse vorlieb – schließlich will sie auf ihre Figur achten. Bei der Erziehung durch Familie und Umfeld, durch Institutionen wie Kindergarten, Schule und Arbeitsplatz, via Film, Werbung und andere Medien – überall werden Geschlechterrollen geschaffen und vorgegeben, die sich auch im Essverhalten niederschlagen. Wenn wir die Augen schließen und uns einen „echten“ Mann und eine „richtige“ Frau vorstellen, erscheinen in unseren Köpfen ganz bestimmte Bilder. Sie sind Symbole unserer gesellschaftlichen Konditionierungen, denen wir einerseits täglich ausgesetzt sind, die wir aber andererseits als handelnde Subjekte ständig mitgestalten und auch verändern können.

Die Fleischeslust

Ein Steakrestaurant wirbt für sich, indem es sein Angebot mit dem Bild stereotyper Mannhaftigkeit koppelt. Gezielt richtet sich die Werbung an männliche Kunden, die sich als „echte“ Männer ihr Stück Fleisch scheinbar ebenso einverleiben sollten wie ihr Stück Frau. Vegetarisch zu essen hingegen sei mit gleichgeschlechtlicher Liebe unter Männern verwandt. Die gesellschaftliche Abwertung von Homosexualität wurde somit auf die Ernährungsweise übertragen. Männliche Individuen sollen heterosexuelle Fleischesser sein, um ihre Maskulinität nicht einzubüßen. Ein Mann muss also ganz bestimmte Eigenschaften aufweisen, um sich im Mainstream als solcher behaupten zu können, wobei das Ernährungsverhalten ebenso ausschlaggebend ist wie die sexuelle Orientierung. Wer sich als Mann dem Verschlingen von Fleisch oder Frauen entzieht, widerspricht dem dominanten Konzept von Männlichkeit.
Auf der anderen Seite der hier beworbenen Männlichkeitsvorstellungen stehen Tiere und Frauen ohne eigenständige Meinung oder Willen. Unausgesprochen werden sie zu Genussobjekten echter Kerle degradiert und verschwinden hinter der kulinarischen Lust auf und dem sexuellen Begehren nach ihrem Fleisch. Einzelne Körperteile von Tieren sind dabei genauso beliebt wie einzelne weibliche Körperteile. Im Kapitalismus tragen Tierfabriken, Pornographie und Prostitution zur profitablen Befriedigung dieser sozial konstruierten Bedürfnisse bei.

Wie die Sprache, so die Welt

Wie wir über Dinge und Menschen sprechen, lässt erkennen, welchen Wert wir ihnen beimessen. Beim Sprechen nützen wir oft vorhandene Diskriminierungen gegenüber Tieren, um Menschen herabzuwürdigen. Meist trifft dieses so eingesetzte Vokabular (neben den implizit untergeordneten Tieren) Frauen: dumme Gans, zickig sein, fette Sau, heiße Schnecke, süße Maus … Eine Frau, so scheint es, hat unzählige tierliche Ebenbilder. Voraussetzung für die Wirksamkeit dieser Begriffe ist die Überzeugung, dass wir als Menschen über den (nicht-menschlichen) Tieren stehen. Seit jeher wurden Frauen (bzw. Tiere) auf ihren Körper reduziert, der Natur zugeschrieben, der Wildheit, dem Instinktgeleiteten, Triebhaften, Emotionalen und Irrationalen. Im Kontrast dazu wurden und werden Männer (bzw. Menschen) wegen ihres Geistes geschätzt. Sie seien die Gestalter von Kultur, würden vom Intellekt geleitet und seien im Besitz von Anstand und Ratio. Der Archetyp von Männern, die Fleisch essen, Frauen (nach)jagen und die starken Erhalter der Familien mimen, ist (noch immer) salonfähig. Im stilleren Eck dieses Salons sitzen schlanke Damen bei ihrem Salat, versuchen als attraktive Beute aufzutreten und träumen vom gesicherten Dasein als Ehefrauen und Mütter. Diese Bilder mögen Auslaufmodelle sein, nichtsdestotrotz illustrieren sie nach wie vor Orientierungspunkte gesellschaftlicher Strukturen. Geschlechtliche Diskrepanzen auf wirtschaftlicher, politischer, rechtlicher (etc.) und eben auch auf sprachlich-kultureller Ebene machen deutlich, dass weibliche und männliche Rollenimages Machtunterschiede herstellen, die reale Konsequenzen haben.

Wieso ist Vegetarismus (noch) weiblich?

Wie schon eingangs erwähnt, ernähren sich weitaus mehr Frauen als Männer von rein pflanzlicher Kost. Zu den wichtigsten Gründen zählt zum einen die Sozialisation. Mädchen werden von ihrem Umfeld nicht nur darauf trainiert, schlank und beim Essen enthaltsam zu sein, sondern auch darin bestärkt, sich emotional auszudrücken. Empathie spielt bei der Persönlichkeitsentwicklung einer Frau eine essentielle Rolle und ist allgemein ein zentrales Motiv für die Entscheidung, vegetarisch oder vegan zu leben. Auf Leid teilnahmsvoll und sanftmütig zu reagieren wird sozial tendenziell als unmännlich charakterisiert, ist aber wünschenswert für eine Frau. Durch die soziale Prägung der Frau wird also ein Nährboden für eine Weltanschauung geschaffen, in der Mitgefühl und Sanftmut eine zentrale Rolle spielen. Zum anderen wurde ersichtlich, dass die Unterdrückung von Tieren bei näherem Hinsehen viele Parallelen zur Unterdrückung von Frauen aufweist. In geschichtlicher Retrospektive stellt sich heraus, dass die Antivivisektionsbewegung (als Vorläuferin der heutigen Tierrechtsbewegung) während der ersten feministischen Welle entstand. Mitte des 19. Jahrhunderts erinnerten die damals üblichen und schonungslosen gynäkologischen Zwangseingriffe viele Frauen daran, was unzählige Tiere tagtäglich in Tierversuchen durchmachen mussten. Gemeinsame Unterdrückte eines von Männern dominierten Systems zu sein war eine bedeutsame Erkenntnis, die Frauen als diskriminierte Gruppe einige Schritte näher an vegetarische Ideale rückte (4&5). Dennoch, mit der fortschreitenden Vervielfältigung von Identitäts- und Lebenskonzepten innerhalb unserer Gesellschaft verändert sich auch unser Handeln. Die Zahl der vegetarischen Männer steigt kontinuierlich an, statistische Differenzen werden kleiner und insgesamt ist ein Trend erkennbar, der die engen konservativen Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit eines Tages überwinden könnte.

Wie nahe sich diskriminierende Ideologien tatsächlich stehen, wird besonders anschaulich, wenn man die Austauschbarkeit und beliebige Erweiterungsmöglichkeit der einzelnen Kategorien analysiert:

Das Geschlecht als Unterscheidungsmerkmal wird zum Argument für die Minderwertigkeit von Frauen gemacht und begründet die Dominanz von Männern, ihre Herrschaft, Privilegien und Ausbeutungsberechtigung. Daraus entstehende globale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten gehen daher vor allem zulasten Frauen.
Die Spezies als Unterscheidungsmerkmal wird zum Argument für die Minderwertigkeit von Tieren gemacht und begründet die Dominanz von Menschen, ihre Herrschaft, Privilegien und Ausbeutungsberechtigung. Daraus entstehende globale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten gehen daher vor allem zulasten der Tiere.
Die sog. „Rasse“ als Unterscheidungsmerkmal wird zum Argument für die Minderwertigkeit von Schwarzen gemacht und begründet die Dominanz von Weißen, ihre Herrschaft, Privilegien und Ausbeutungsberechtigung. Daraus entstehende globale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten gehen daher vor allem zulasten der Schwarzen.

Intersektionalität

Um Ähnlichkeiten, Verwobenheit und Wechselwirkungen zwischen einzelnen Unterdrückungsformen zu beschreiben, wurde in den 1990ern das Konzept der Intersektionalität entwickelt. Ausgehend vom Ansatz, dass eine Person oder Gruppe mehrfacher Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts, ihrer „Rasse“ und ihrer Klassenzugehörigkeit ausgesetzt sein kann, erweiterte man diese Feststellung um viele andere Kategorien, wie etwa um Religionszugehörigkeit, Alter, Herkunft etc. (6)

Unity Of Oppression
Die Idee hinter der „Einheit von Unterdrückung“ (= Unity of Oppression) ist aufzuzeigen, dass Diskriminierungsformen nicht in ihrer Wichtigkeit ab- oder aufgewertet und gegeneinander ausgespielt werden können. Ausprägungen von Herrschaft vereinzelt abzulehnen greife zu kurz. Wirklich zielführend sei es, Herrschaft als Ganzes wahrzunehmen und zu bekämpfen.

LITERATUR

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