Vegane Ernährung für Kinder | Vegane Gesellschaft Österreich

Vegane Ernährung für Kinder

10.05.2019

Ein aktueller Fall aus Australien sorgt derzeit für große Aufregung in den Medien: Den Eltern einer knapp dreijährigen Tochter drohen bis zu 5 Jahren Haft, weil sie ihr Kind vegan ernährt haben, so die kolportierte Information. Mit Krämpfen und schweren Entwicklungsstörungen kam das Mädchen im Mai 2018 in ein Krankenhaus. Erst zu diesem Zeitpunkt fiel der dramatische Gesundheitszustand des Kindes auf. Zuvor war es seit seiner Geburt nie beim Arzt.

Deutlich wird, dass es sich hierbei ganz klar um einen Fall von starker Kindesverwahrlosung handelt: Die Eltern ließen ihre Tochter niemals ärztlich untersuchen. Im Normalfall wären die Entwicklungsstörungen spätestens im Rahmen der üblichen Vorsorgeuntersuchungen aufgefallen. Die gravierenden Störungen im vorliegenden Fall hätten verantwortungsbewusste Eltern jedoch selbst ohne medizinische Unterstützung leicht bemerken müssen: Laut Zeugenaussagen war das Mädchen mit mehr als eineinhalb Jahren so weit entwickelt wie normale Kleinkinder im Alter von drei Monaten.

Vegane Ernährung als Ursache?

Die konkreten Umstände sowie die tatsächliche Ernährung des Kindes sind uns leider nicht bekannt, weshalb wir nicht im Detail auf den vorliegenden Fall eingehen können. Offensichtlich wurde das Baby schwer fehlernährt: Es bekam Haferflocken, Kartoffeln, Reis, Tofu, Brot, Erdnussbutter und Reismilch, sowie Obst und Rosinen. Somit war es nicht mit allen essentiellen Nährstoffen ausreichend versorgt. Diese lebensnotwendigen Vitamine und Mineralstoffe müssen jedoch nicht zwangsläufig über tierische Lebensmittel zugeführt werden, sondern können genauso gut über eine gut geplante vegane Ernährung aufgenommen werden. Gleichzeitig kann auch eine Kost, die Tierprodukte enthält, zu einer schweren Fehlernährung führen. Es ist also eindeutig irreführend, die vegane Ernährung als Ursache für die Entwicklungsstörungen anzuführen. Diese Fehlinformation setzt viele Eltern unnötig unter Druck, die ihre Kinder erfolgreich vegan ernähren und widerspricht den Empfehlungen internationaler Ernährungsorganisationen, die eine vegane Ernährung in jedem Lebensalter als gesund ansehen.

Geeignet in jeder Lebensphase

Dass eine gut geplante vegane Ernährung für Kinder geeignet ist, beweisen zahlreiche sich ausgezeichnet entwickelnde Kinder mit vorbildlichen Blutbildern. Gut geplant bedeutet, bewusst auf eine ausreichende Energie- und Proteinzufuhr, eine abwechslungsreiche, vollwertige Lebensmittel-Zusammenstellung sowie die Versorgung mit allen essentiellen Nährstoffen zu achten. Können die Nährstoffe nicht über die Lebensmittel abgedeckt werden, müssen sie ergänzt werden.

Die Broschüre „Vegane Ernährung für Kinder, Schwangere und Stillende“ geht ausführlich auf die verschiedenen Lebensabschnitte ein und erklärt, worauf in diesen sensiblen Phasen besonders geachtet werde sollte. Sie kann kostenlos heruntergeladen werden oder unter info@vegan.at bestellt werden. Auf derselben Seite finden Sie auch Beispiel-Ernährungspläne für die praktische Umsetzung als Download.

Was sagen die Fachgesellschaften?

Das Statement der Academy of Nutrition and Dietetics, amerikanisches Pendant der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und weltweit größte Fachgesellschaft für Ernährung, ist eindeutig: Eine gut geplante Ernährung sei für jede Lebensphase geeignet, einschließlich Schwangerschaft, Stillzeit, Kindheit und Jugend. Ähnlicher Meinung sind Fachgesellschaften in anderen Ländern wie Kanada, England, Australien oder auch Portugal. Demgegenüber stehen die Vorbehalte der Nationalen Ernährungskommission in Österreich sowie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Sie befürchten mögliche Ernährungsdefizite hinsichtlich bestimmter Nährstoffe wie Vitamin B12. Unbeachtet bleibt, dass auch allesessende Kleinkinder häufig nicht ideal ernährt sind. Laut österreichischem Expertendossier zur Kleinkind-Ernährung zählen Eiweiß, Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, Zucker, Eisen, Folsäure, Vitamin D und Natrium zu den kritischen Nährstoffen omnivorer Kinder. Darüber hinaus werden Vitamin D und Jod (in Form von Kochsalz) in der Regel supplementiert.

Was sind die Gründe für die Skepsis im deutschen Sprachraum?

Studien zu veganer Ernährung gibt es bisher nicht viele. Insbesondere aktuelle wissenschaftliche Literatur fehlt. Die DGE beruft sich in ihrer Stellungnahme hauptsächlich auf 25 Jahre alte Untersuchungen von makrobiotisch ernährten Kindern. Sie waren leichter und weniger gut entwickelt als die fleischessenden Kinder. Makrobiotik ist jedoch keinesfalls gleichzusetzen mit veganer Ernährung: Sie besteht großteils aus Getreide, viele Gemüse- und Obstsorten fallen weg, insbesondere in roher Form, fettreiche und damit energiespendende Lebensmittel kommen nur wenig vor, Nahrungsergänzungsmittel sind untersagt. Eine vegane Ernährung ist hingegen deutlich vielseitiger. Zudem gibt es Berichte über einige wenige Einzelfälle, in denen Kinder an Vitamin-B12-Mangel litten. Diese sind auf fehlende oder unzureichende Vitamin-B12-Supplementierung zurückzuführen. Andererseits gibt es Studien, die belegen, dass eine Ernährung auf ausschließlich pflanzlicher Basis ein normales Wachstum und eine gesunde Entwicklung von Kindern ermöglicht. Als Fazit aus diesen Untersuchungen kann gezogen werden, dass eine vegane Ernährung für Kinder problemlos möglich ist und sehr gesund sein kann. Die Eltern sollten sich jedoch mit der Ernährung ihrer Kinder auseinandergesetzt haben und Lebensmittel sorgfältig auswählen. Dies gilt im Übrigen für alle Eltern, auch für jene allesessender Kinder.

Worauf sollte geachtet werden?

Muttermilch ist die ideale Ernährung während der ersten Monate. Langes Stillen über 1 – 3 Jahre versorgt den Säugling nicht nur mit allen notwendigen Nährstoffen, sondern bietet auch Schutz vor Krankheiten und beugt Allergien vor. Ist Stillen nicht möglich, steht Ersatznahrung auf Sojabasis zur Verfügung. Als Beikost kann ab dem 5. Monat mit Gemüse-Kartoffelbrei begonnen werden, der mit etwas Leinöl zur Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren angereichert wird. Ab dem 8. Monat kommen eiweißreiche Lebensmittel wie pürierte gekochte Hülsenfrüchte oder Tofu hinzu. Wie auch für Erwachsene ist für Kinder eine abwechslungreiche Kost auf Basis von viel frischem Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkorngetreide und hochwertigen Ölen notwendig. Aufgrund ihrer kleinen Mägen nehmen Kinder unter Umständen zu wenig Kalorien auf. Konzentrierte Energie liefern Fette in Form von Avocados, Nüssen, Samen, Nussmusen und Tahin, Sojaprodukte und Trockenfrüchte. Vitamin B12 muss supplementiert werden, sobald das Kind nicht mehr den Großteil seiner Energie über die Muttermilch aufnimmt. Vitamin D wird entweder durch Sonnenschein in der Haut produziert oder über Supplemente eingenommen. Als Eisenquellen stehen unter anderem Hirse, Quinoa, Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen wie Sesam und Mohn, Trockenfrüchte sowie grünes Blattgemüse zur Verfügung. Zur besseren Aufnahme ist ein gleichzeitiger Verzehr von Vitamin C in Form von frischem Obst oder Gemüse wichtig. Kalzium nimmt das Kind durch grünes Gemüse, Tahin, angereicherte Sojamilch, mit Kalziumchlorid gewonnenem Tofu und Melasse auf. Zur Versorgung von Jod sollten gelgentlich kleine Mengen Algen auf dem Speiseplan stehen. Zink liefern Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Tofu und Nüsse.

Vorteile von veganer Ernährung im Kindesalter

Die Zahl übergewichtiger Kinder nimmt rapide zu. Damit steigt auch die Verbreitung von sogenannten „Wohlstandskrankheiten“ wie Diabetes mellitus Typ II und Bluthochdruck bereits im Kindesalter dramatisch. Die Gründe sind neben Bewegungsmangel ein Überangebot an Energie, tierischen Lebensmitteln, die neben vielen gesättigten Fettsäuren und Eiweiß auch viel Salz enthalten, sowie Zucker. Gleichzeitig sind allesessende Kleinkinder häufig mit Folsäure, ungesättigten Fettsäuren, Vitamin D und Eisen unterversorgt. Eine vegane Ernährung kann nachgewiesenermaßen das Risiko für diese Erkrankungen deutlich reduzieren. Zusätzlich enthält vegane Kost viel Folsäure – das Mangelvitamin der Allgemeinbevölkerung – sowie präventiv wirkende Substanzen wie sekundäre Pflanzenstoffe und Ballaststoffe.

Checkliste: Worauf achten?

  • Abwechslungsreiche Ernährung, bestehend aus frischem Gemüse, Obst, Vollkorngetreide, Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen und hochwertigen Ölen.
  • Konzentrierte Energie liefern Fette in Form von Avocados, Nüssen, Nussmusen und Tahin, Sojaprodukte und Trockenfrüchte.
  • Vitamin B12 muss in Form von Nahrungsergänzungsmitteln und/oder angereicherten Produkten ergänzt werden.
  • Während der Sommermonate sollte sich das Kind – je nach Hauttyp – 10 bis 30 Minuten in der Mittagssonne aufhalten (Haut nicht rot werden lassen). Wenn das nicht möglich ist, benötigt das Kind eine tägliche Supplementierung mit 20 µg Vitamin D. Im Winter sollte auf jeden Fall Vitamin D ergänzt werden.
  • Zur Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren dienen ½ – 1 Teelöffel Leinöl oder 2 Teelöffel bis 1 Esslöffel Rapsöl täglich; gegebenenfalls können auch Algenölkapseln eingenommen werden.
  • Auf ausreichende Quellen für Eisen, Kalzium, Zink und Jod achten.
  • Regelmäßige Bluttests eignen sich, um den Versorgungszustands des Kindes zu überprüfen.