Meere in Gefahr - Wie Überfischung das Leben unter Wasser und darüber bedroht

Meere in Gefahr - Wie Überfischung das Leben unter Wasser und darüber bedroht

01.02.2022

Die Erde wird aus gutem Grund als blauer Planet bezeichnet: denn ihre Oberfläche wird zu 70 % von Meeren und Ozeanen bedeckt. Sie stellen damit den größten Lebensraum weltweit dar und beherbergen eine einzigartige Flora und Fauna. Der menschliche Einfluss auf die Meere setzt sie jedoch zunehmend unter Druck: Klimawandel, Schadstoffbelastung und Überfischung gefährden die Fische und ihre Lebensräume stark. Heute gelten 33 % der Fischbestände als überfischt und 60 % als maximal (aus)genutzt. Der Zustand der Meere ist besorgniserregend – nicht zuletzt auch für unser eigenes Leben an Land.

Blaue Lunge der Erde

Luft, Wärme und Klima prägen unser Leben auf dem Planeten. Sie werden wiederum entscheidend von den Meeren geprägt: Pflanzliches Plankton in ihnen produziert bis zu 75 % des Sauerstoffs in der Atmosphäre und somit die Luft, die wir atmen. Wasser nimmt Wärme auf, gibt sie nur langsam ab und wirkt damit Temperaturschwankungen auf der Erde entgegen. Meere stellen zudem als größte Kohlenstoffsenke der Erde eine unverzichtbare Komponente im Klimasystem dar. Sie nehmen enorme Mengen an CO2 auf und verlangsamen den Klimawandel. Die blaue Lunge der Erde wird aber massiv durch den Klimawandel gefährdet: Die Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger und Produktion tierischer Lebensmittel führen zu einer gesteigerten Aufnahme von Treibhausgasen in den Meeren, die wiederum den pH-Wert des Wassers senken und so zur Versauerung der Meere beitragen. Folgen sind das dramatische Korallensterben, aber auch andere Lebewesen, die auf gleichmäßige Temperaturen angewiesen sind, werden geschwächt oder geschädigt.

Plünderung der Meere

Eine Hauptgefahr für die Meere geht von der Fischerei aus. Sie wird heute im großen Stil betrieben und so entfallen auf 1 % der Fischereiflotten 50 % der Fangmengen. Industrielle Hochseeschiffe, die eher Kriegsschiffen als Fischereischiffen gleichen, sind hierbei mit modernster Technik ausgestattet. Sie nutzen Radar- und Sonargeräte, um Fischschwärme ausfindig zu machen, und ziehen kilometerlange Schleppnetze durch die Meere. Gefangen wird, was ins Netz geht. Ökonomisch interessant ist eine Handvoll an Fischarten. Der Rest – darunter jährlich auch 300.000 Wale und Delfine – wird als sogenannter „Beifang“ tot oder schwer verletzt zurück ins Meer geworfen. Auch Vögel und Meeresschildkröten verheddern sich häufig in den Fischereinetzen und sterben einen grausamen Tod. Durch die Schleppnetze werden zudem die Meeresböden zerstört und somit die Lebensräume zahlreicher Tiere und Pflanzen. Ihr Spuk endet jedoch nicht hier: Die Plastikverschmutzung der Meere wird hauptsächlich durch Netze und andere Materialien aus der Fischerei verursacht. Auf sie entfallen nämlich 70 % des Makroplastiks in den Meeren. Die industrielle Fischerei ist somit zur größten Gefahr für die Meere und ihre Bewohner:innen geworden, sei es für Fische, die direkt gefangen werden, oder für andere Meereslebewesen, die indirekt durch den menschlichen Fischkonsum geschädigt werden.

Fishing down the food web

Die exzessive Ausbeutung der Meere und Fische führt somit zu tiefgreifenden Veränderungen von marinen Ökosystemen: Große Fische, wie Thunfische, Schwertfische und Kabeljaue, fallen als Erstes der Überfischung zum Opfer. Kleinere Fische rücken nach, wenn größere Arten nicht mehr oder zu wenig vorhanden sind. Somit werden die Nahrungsketten von oben nach unten ausgebeutet. Jeder dieser selektiven Eingriffe kann jedoch das Gleichgewicht des maritimen Ökosystems durcheinanderbringen und zum Kollaps von Fischbeständen führen. Ein Beispiel ist etwa der Kabeljau: Sein Bestand vor dem kanadischen Neufundland ist Ende des 20. Jahrhunderts kollabiert. Aufgrund von permanenter Überfischung droht ähnliches in der europäischen Nord- und Ostsee. Die Konsequenz der nachhaltigen Unnachhaltigkeit in der Fischerei ist verheerend: Während 1990 10 % der Fischbestände überfischt waren, sind es heute 33 %. Auf regionaler Ebene spitzt sich die Situation mitunter weiter zu, so etwa im Mittelmeer, das zu 62 % als überfischt gilt.

Aquakulturen als Retter der Meere?

Die Fischzucht in Aquakulturen wird oft als Lösung für die Überfischung der Meere propagiert. Heute stammt jeder zweite Fisch aus dieser Tierhaltung unter Wasser. In offenen Gewässern wie dem Meer werden meist Netzgehege eingesetzt. Durch die Haltung der Tiere auf engstem Raum ergeben sich jedoch multiple Umweltprobleme. Beispiele sind die Verbreitung von Krankheiten, die konzentrierte Ansammlung von Exkrementen und Futterüberschüssen sowie von Medikamenten- und Pestizidrückständen. Zudem bedrohen Ausbrüche nicht-heimischer Arten aus den Aquakulturen die ansässige Flora und Fauna. Damit nicht genug: Um Fische in Aquakulturen zu ernähren, werden große Mengen Fischöl und Fischmehl aus Wildfang verwendet. Aquakulturen sind somit nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems der Überfischung.

Fisch am Tisch

Der treibende Faktor der Überfischung ist unser großer Hunger auf Fische: Seit 1990 hat sich der Fischkonsum weltweit mehr als verdoppelt und es ist kein Zeichen einer Verlangsamung in Sicht. Global werden jährlich etwa 20 kg Fische verspeist, in Österreich sind es 7 kg. Als Binnenland und somit ohne Meereszugang ist Österreich stark von Importen abhängig und weist eine niedrige Selbstversorgungsrate von 7 % auf. Doch auch hierzulande zeichnet sich ein Boom an Aquakulturen ab. So hat sich diese (Massen-)Tierhaltung unter Wasser in den letzten 10 Jahren verdoppelt. In Österreich sind 500 Unternehmen für die jährliche „Produktion“ von Fischen mit einem Gewicht von 4.250 t verantwortlich. Global betrachtet hält sich die Fischerei aus Wildfang auf hohem Niveau, Aquakulturen wachsen aber rasant. So nähern sich die „Produktionsmengen“ aus Aquakulturen (46,1%) immer stärker dem Wildfang (53,9 %) an. Bei der Herkunft der Fische dominiert nach wie vor das Meer (64,6 %) vor den Binnengewässern (35,4 %).

Über den Aquarien- und Meeresrand blicken

Die Uhr tickt. Um den Kollaps der Weltmeere zu verhindern, muss jetzt gehandelt werden. Auf individueller Ebene können wir Fische von unserem Speiseplan streichen und uns vegan ernähren. Die Umwelt und Tiere werden es uns danken. Auf systemischer Ebene braucht es einen Abbau von schädlichen Fischereisubventionen und einen Aufbau von Meeresschutzgebieten. Jährlich werden etwa 30 Milliarden Euro an Subventionen in die Fischerei gepumpt und fördern so ökologisch wie ethisch katastrophale Fischereimethoden. Zudem gibt es derzeit wenig Chance auf Erholung: Nur 5 % der Meeresflächen sind geschützt und auf 90 % ist zudem die Fischerei erlaubt. Zahlreichen Expert:innen zufolge sind mindestens 30 % Meeresschutzgebiete mit Fischereiverbot nötig, um der maritimen Flora und Fauna eine Chance zu geben. Deren Überleben im Wasser ist nicht zuletzt eng mit unserem Überleben an Land verbunden.