Agrar-Beirat empfiehlt Förderung von Fleisch- und Milchalternativen
Agrar-Beirat empfiehlt Förderung von Fleisch- und Milchalternativen
Der Wissenschaftliche Beirat des deutschen Landwirtschaftsministeriums hat sein neues Gutachten zum Potenzial von Alternativprodukten vorgestellt. Er empfiehlt der deutschen Bundesregierung, pflanzenbasierte und biotechnologische Alternativen zu Fleisch, Milch & Co. gezielt zu fördern – eine wichtige Botschaft im Sinne einer zukunftsorientierten Politik für nachhaltigere Agrar- und Ernährungssysteme!
Tierprodukte reduzieren – für Klima und Gesundheit
Dass zu viel Fleisch der Gesundheit schadet, ist schon lange bekannt. Dass Fleisch und Milchprodukte zudem schlecht fürs Klima sind, ist mittlerweile ebenfalls wissenschaftlich bewiesen. Wie bedeutend dieser Aspekt ist, zeigt sich an der österreichischen Ernährungspyramide: Bei der letzten Überarbeitung 2024 wurde die empfohlene Zufuhrmenge für Fleisch und Milchprodukte deutlich reduziert, dafür werden nun erstmals mindestens drei Portionen Hülsenfrüchte pro Woche empfohlen.
Ernährungsempfehlungen allein reichen jedoch nicht aus, um eine entscheidende Reduktion von Fleisch und Milchprodukten breitenwirksam umzusetzen. In Österreich wie Deutschland sind diese Lebensmittel zentrale Bestandteile der herkömmlichen Ernährung und es gibt kaum traditionelle Gerichte, die ohne auskommen. Alternativen wie pflanzliche Wurst und Hafermilch können den Umstieg deutlich erleichtern, denn damit müssen Menschen ihr Ernährungsverhalten nicht grundsätzlich ändern.
Förderung pflanzlicher, fermentationsbasierter und kultivierter Alternativprodukte
Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat hat deshalb ein umfangreiches Gutachten zu pflanzenbasierten und biotechnologischen Alternativprodukten ausgearbeitet und an den zuständigen Bundesminister Alois Rainer übergeben. Es trägt den Titel „Mehr Auswahl am gemeinsamen Tisch: Alternativprodukte zu tierischen Lebensmitteln als Beitrag zu einer nachhaltigeren Ernährung“.
Der hochkarätig besetzte Beirat spricht sich klar dafür aus, pflanzliche und biotechnologisch hergestellte Alternativprodukte – wie kultiviertes Fleisch oder Fermentationsprodukte – durch verschiedene Maßnahmen zu fördern und den gesellschaftlichen Diskurs zu versachlichen.
Ausweg aus dem „Käseparadox“
Der Fleischverzehr hat in den vergangenen Jahren zwar erfreulicherweise abgenommen, jedoch wurde viel durch Käse kompensiert, was sich als kontraproduktiv für das Klima erweist: „In den letzten Jahren essen die Menschen in Deutschland schon rund 10 kg Fleisch weniger pro Jahr, aber dafür mehr Käse. Dadurch sind die gesamten Treibhausgasemissionen der Ernährung kaum gesunken. Alternativprodukte können einen Ausweg aus diesem ‚Käseparadox‘ bieten, weil sie häufig eine deutlich bessere Treibhausgasbilanz aufweisen“, erklärt der Vorsitzende des Beirats, Prof. Dr. Achim Spiller von der Universität Göttingen. Dafür braucht es sensorisch überzeugende Alternativen und deshalb auch eine gezielte Förderung von Innovationen. Darin sieht der Beirat Chancen für die Ernährungswirtschaft.
Appell an die Politik: Offenheit und Sachlichkeit statt Ideologisierung
Der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder fiel in der Vergangenheit immer wieder mit abwertenden Bemerkungen gegenüber pflanzlichen Alternativen auf. So kündigte er beispielsweise den aktuellen Landwirtschaftsminister, der gelernter Fleischhauer ist, mit den Worten „Leberkäs statt Tofu-Tümelei“ an. Umso stärker betont der Wissenschaftliche Beirat, dass eine Versachlichung der Debatte notwendig ist. „Auch die Politik sollte bei diesem Thema die Erweiterung der Möglichkeiten und das soziale Miteinander in den Mittelpunkt stellen“, so Prof.in Dr.in Britta Renner, stellvertretende Vorsitzende des Beirats. Das bedeutet eine offene Haltung gegenüber Alternativprodukten und gegenseitige Toleranz. In Österreich hat Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig zuletzt mit seinem erneuten Vorstoß zum EU-weiten Veggie-Burger-Verbot bewiesen, dass dies auch hierzulande keine Selbstverständlichkeit ist.
Die Gutachter:innen heben die Bedeutung des „gemeinsamen Tischs“ hervor: Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen. Daher ist es auch in der Gemeinschaftsverpflegung wichtig, dass immer ausreichend vegane Gerichte zur Verfügung stehen. Ein größeres Angebot an Alternativprodukten bietet der Gastronomie die Möglichkeit, ein inklusiveres Spektrum an Speisen anzubieten.
Fairer Wettbewerb statt Blockade
Wesentlich sind faire Wettbewerbsbedingungen. Da diese aktuell allein schon aufgrund von Subventionen und einer steuerlichen Benachteiligung von Pflanzenmilch & Co. nicht gegeben sind, sind eine konsequente Umorientierung der Fördermittel sowie eine Angleichung der Mehrwertsteuer notwendig. Ebenso wären transparente Verbraucher:inneninformationen wichtig. Der Beirat empfiehlt die Einführung eines Klima-Labels sowie eine Weiterentwicklung und breite Umsetzung des Nutri-Scores.
Innovationen unterstützen und erleichtern
Um die Innovationskraft zu stärken, empfiehlt der Beirat gezielte Maßnahmen zur Förderung von Forschung und Entwicklung. Da Alternativprodukte auf Basis von Pflanzen, modernen Fermentationsverfahren und Zellkultivierung noch in einem frühen Entwicklungsstadium sind, braucht es mehr öffentliche Innovationsförderung. Unternehmen sollen zudem bei der Erstellung von Zulassungsanträgen für neuartige Lebensmittel in der EU besser unterstützt werden.
Anreize setzen
Damit mehr Mischköstler:innen zu Alternativprodukten greifen, braucht es aber nicht nur qualitativ hochwertige Alternativprodukte zu fairen Preisen, sondern auch eine gute Verfügbarkeit, eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung und ausreichend Anreize, um alternative Fleisch- und Milchprodukte auszuprobieren. Hierbei können Maßnahmen wie Nudging und Default-Angebote (das bedeutet, dass pflanzliche Gerichte als Standard-Version angeboten werden) viel bewirken.
Ein wichtiges Signal
Abschließend lässt sich festhalten, dass Alternativprodukte gut fürs Klima, für die Gesundheit und das Tierwohl sind und daher von der Politik gefördert werden sollten. Dieses klare Statement von 16 unabhängigen Professor:innen aus den Bereichen Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz ist eine bedeutende Grundlage für den gesellschaftlichen Diskurs. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Politik die umfangreichen Empfehlungen zu Herzen nimmt und die vorgeschlagenen Maßnahmen in die Tat umsetzt - das gilt für Deutschland genauso wie für Österreich.
Foto: BMLEH