Mehr Fleisch, mehr Protein? Eine Einordnung der neuen US-Ernährungsempfehlungen
Mehr Fleisch, mehr Protein? Eine Einordnung der neuen US-Ernährungsempfehlungen
Die neue amerikanische Ernährungspyramide steht Kopf. Fleisch und weitere tierische Eiweißquellen sind in den Fokus gerückt, die Zufuhrempfehlung für Protein wurde stark erhöht. Was namhafte Wissenschaftler:innen und Fachgesellschaften dazu sagen.


Am 7. Jänner 2026 haben das U.S. Department of Health & Human Services und das U.S. Department of Agriculture die neuen Ernährungsempfehlungen für die USA veröffentlicht. Die frühere Ernährungspyramide wurde dabei auf den Kopf gestellt: Die Spitze zeigt nun nach unten, sie enthält Vollkorngetreide und suggeriert, dass davon besonders wenig aufgenommen werden sollte. Fleisch, Eier und Milchprodukte sind nach oben gewandert und nehmen nun einen prominenten Platz ein. Gemeinsam mit Gemüse und Obst sollen sie die Basis der täglichen Ernährung sein. Dazu passend wurde auch die Zufuhrempfehlung für Protein deutlich erhöht.
Kritik von wissenschaftlicher Seite
Fachgesellschaften wie die American Society and Nutrition und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bemängeln, dass nicht klar ist, wie die wissenschaftlichen Grundlagen in die lebensmittelbasierten Empfehlungen übersetzt wurden (ASN 2026, DGE 2026). So wurde die Datenbasis zwar von renommierten Wissenschaftler:innen erarbeitet, die tatsächlichen Empfehlungen wurden jedoch nicht von ihnen formuliert. Die Folgen sind faktische Fehler und Empfehlungen, die nicht den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen.
Widersprüche zwischen der bildlichen Darstellung und den Text-Botschaften
Die neue Pyramide ist nicht mit den Text-Botschaften konsistent. So wird beispielsweise ein täglicher Verzehr von zwei bis vier Portionen Vollkornprodukten empfohlen, während die Platzierung ganz unten in einem kleinen Segment nahelegt, dass davon nur wenig gegessen werden sollte. Widersprüche zeigen sich auch hinsichtlich der Eiweißträger: Während im Text eine große Vielfalt pflanzlicher und tierischer Proteinquellen empfohlen wird, darunter ausdrücklich Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen und Sojaprodukte, dominieren in der Pyramide Fleisch und andere tierische Eiweißquellen. Der Text beschränkt zudem die Zufuhr von gesättigten Fettsäuren auf maximal 10 %, was mit einer hohen Zufuhr an Fleisch und tierischen Fetten – wie in der Pyramide abgebildet – nicht vereinbar ist.
Faktische Fehler in den Empfehlungen
Dass die Empfehlungen nicht auf wissenschaftlicher Evidenz beruhen, zeigt sich auch an verschiedenen Falschaussagen. Der Ernährungsmediziner Prof. Martin Smollich zählt einige Beispiele auf. So wird unter anderem behauptet, eine vegane Ernährung enthalte nur wenig Magnesium und Kalium – die Wahrheit ist jedoch, dass eine vegane Ernährung sogar besonders viel davon liefert. Olivenöl, Butter und Rindertalg werden als wichtige Quellen essenzieller Fettsäuren empfohlen, obwohl sie nur geringe Mengen liefern. Stattdessen enthalten Rindertalg und Butter viele gesättigte Fettsäuren, von denen man nicht zu viel aufnehmen sollte. Rapsöl, das tatsächlich viele essenzielle Fettsäuren enthält, wird hingegen nicht empfohlen.
Wie viel Protein ist tatsächlich notwendig?
Auch die starke Erhöhung der Menge an täglich empfohlenem Eiweiß wird von der Fachwelt kritisiert. Die Empfehlung lautet nun 1,2–1,6 g/kg Körpergewicht, was beinahe einer Verdopplung entspricht. Zum Vergleich: In Österreich und Deutschland gilt ein Referenzwert von 0,8 g/kg Körpergewicht für gesunde Erwachsene unter 65 Jahre. Laut DGE liefert die bisherige wissenschaftliche Evidenz aus Interventions- und Beobachtungsstudien keine Hinweise auf einen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen einer dauerhaft höheren Proteinzufuhr.
Nichtbeachtung ökologischer Aspekte: Rückschritt statt Fortschritt
In vielen Ländern werden zunehmend Synergien zwischen gesundheitsfördernder und ökologisch nachhaltiger Ernährung in den nationalen Ernährungsempfehlungen verankert. So wurden beispielsweise die Empfehlungen für Fleisch und weitere tierische Lebensmittel sowohl in Österreich als auch in Deutschland zuletzt stark reduziert, dafür wird nun verstärkt zu pflanzlichen Proteinquellen wie Hülsenfrüchten geraten. In den USA ist hingegen exakt das Gegenteil passiert: Jene Lebensmittel, die besonders viele Treibhausgasemissionen verursachen, werden nun besonders stark beworben.
Fleisch-Lobbying statt Wissenschaft
Mitherausgeber der neuen Empfehlungen ist das „United States Department of Agriculture (USDA)“, also das Landwirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten. Dessen Auftrag ist die Absatzförderung der amerikanischen Fleisch- und Milchindustrie. „Renommierte Wissenschaftler:innen hatten die ursprüngliche Datengrundlage erarbeitet. Weil diese Daten der US-Administration nicht passten, wurden die Expert:innen durch Lobbyertreter der Fleisch- und Milchindustrie ersetzt“, findet Prof. Smollich hierzu klare Worte. „Die neuen Leitlinien beruhen nicht auf wissenschaftlichen Daten, sondern sind eine politische Inszenierung.“
Quellen
- American Society for Nutrition (ASN): American Society for Nutrition Calls for Strong Science in National Nutrition Guidance. Verfügbar unter: email.nutrition.org/q/15gs0nhjHyrEKtDGBK35jWjsU/wv (Zugegriffen: 16.01.2026).
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE): Neue Ernährungsempfehlungen der USA: Einordnung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE). Verfügbar unter: dge.de/presse/meldungen/2026/neue-ernaehrungsempfehlungen-der-usa-einordnung-der-dge (Zugegriffen: 16.01.2026).
- Smollich, Martin: „Amerikanische Ernährungsleitlinie – Fortschritt oder Satire?“ Instagram-Beitrag vom 15.01.2026. Verfügbar unter: instagram.com/p/DTf0HmACGFv/?img_index=1 (Zugegriffen: 16.01.2026).


